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Münchhausen – Das MusiKal

Dichtung oder Wahrheit?

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Venue
Theater Eisleben (Rosen-Arena Sangerhausen)
by
Christian Faust (Musik)
Kai O. Schubert (Buch und Liedtexte)
Direction
Frank Martin Widmaier
World premiere
2026

Ein eigenes „MusiKal“ für Lügenbaron Münchhausen

Das Musical wird am Theater Eisleben zu einer vom Publikum geliebten Programmsäule, „Münchhausen“ fällt zwischen die Produktionen von „Cabaret“ und der „Dreigroschenoper“. In der Rosen-Arena im nahen Sangerhausen fühlen sich die fast 400 Zuschauer durch diese Uraufführung bestens unterhalten. Das Projekt auf den Text des von der Deutschen Oper Berlin bis zum Münchner Gärtnerplatz bekannten Überschreibers Kai O. Schubert mit der Musik von Christian Faust, dem Gründungsmitglied der Dark-Rock-Band My Insanity, ist anspruchsvoll, tiefsinnig und hochtrabend.

Der Abstraktionsprozess des regieführenden Intendanten Frank Martin Widmaier setzt beim Balladen- und „Münchhausen“-Dichter Gottfried August Bürger an, der im wenige Kilometer entfernten Flecken Molmerswende geboren wurde. An ein braves Biographical oder Glorifical wurde nicht gedacht, sondern an Aufrütteln zum Nachdenken über Dichtung und Wahrheit. Deshalb ist „Münchhausen“ ein „MusiKal“ mit der Bedeutung „Musikalisches Kaleidoskop“, eine Jukebox aus bekannten Mustern und Zündstoff-Thematik. In der Titelrolle kommt Marcel Frank dem Baron mit schwarzem Dreispitz und blauem Rock, der durch Hans Albers zur Nazifilm-Ikone wurde, ziemlich nahe. Die bekannte Episode vom Ross, das an der Spitze eines Kirchturms angebunden ist, und andere werden fast eilig abgespult.

Setzte der zwischen Empfindsamkeit und Aufklärung räsonierende Dichter Fake News oder Reality? Der Schauplatz dieser „Münchhausen“-Revue über die Manipulation der Massen, die mit harmlosen Anekdoten beginnt und bis zum dumpfen Übertrumpfen von Wahlkampf-Endspurts steigerbar ist, liegt in einem Studio. Dahinter sieht man einen digitalen Bildschirm und daneben Dekorationsteile für Szenen unter Wasser oder zwischen den Sternen. Eine Schnöselbande mit Sonnenbrillen umgibt den Dichter Bürger: Julius Christodulow, Oliver Beck und Nima Conradt. Aus dieser schält sich ein Staatsrat (Christopher Wartig) heraus, der den brisant werdenden Star Münchhausen wie ein heißes Eisen fallen lässt.

Vor allem dem Neffen des Regenten (Julius Böhning) hat es der Erzähler Bürger angetan. Solche Libertins bringt jede Epoche hervor: geil, schlüpfrig, zynisch und skrupellos. Doch jetzt mischt sich die Thespiskarren-Diseuse Vanda dazwischen und lehrt Bürger/Münchhausen alle Harken der Performance und effektvollen Selbstdarstellung. Sie ist mondän und selbstbewusst, Vivian Micksch macht sie über weite Szenen zum Mittelpunkt. Bürger lernt viel von Madame Vanda, wird deshalb für die politikverdrossenen Fanmassen zum Star und – so ist der Lauf der Multichannel-Konjunktur – schnell wieder fallengelassen, indem man seine populären Geschichtchen für Korruption an der (systemkonformen) Wahrheit erklärt.

Diese opportunistische Korrektur kommt durch die Choreografie von Khanh Vi Pham Do in virtuose Bewegung. Ihre Tanzszenen bedienen das Musikshow-Genre überaus angemessen und sabotieren es gleichzeitig. Die Tanztruppe aus Leipzig fährt kräftig ab auf das Instrumental-Playback, das Komponist Christian Faust situationsaffin gesetzt hat. Gefochten wird auch und auf dem Bildschirm gibt es immer wieder Fäden aus Pink und Schwarz.

Das Team setzt alles unverkrampft in Szene, als handle es sich um eine beliebige Unterhaltungsshow. Es fehlen – mit Ausnahme der schmierigen Herrenanzüge von Jan Alexander Schroeder – kritische Akzente gegen das Showbiz der älteren Schule. Mit dieser Eigenkreation, die zwischen Episoden-Show und der attraktiven Regionalfigur laviert, agiert das Theater Eisleben weitaus ambitionierter als viele an Subventionstheatern entwickelte Musicals. Dieses Entertainment hat Format und die Akteure sind mit Feuereifer dabei – cool bis smart.


Regie: Frank Martin Widmaier • Choreografie: Khanh Vi Pham Do • Ausstattung: Jan Alexander Schroeder • Videodesign: Carl Lorenz Koischwitz • Mit: Marcel Frank (Lügenbaron Münchhausen), Vivian Micksch (Madame Vanda), Julius Böhning (Neffe des Regenten), Christopher Wartig (Staatsrat), Julius Christodulow (Sensenmann/Herrenrunde/Schauspieltruppe), Oliver Beck (Herrenrunde/Schauspieltruppe), Nima Conradt (Herrenrunde/Schauspieltruppe) u.a.

Aufmacherfoto: Anna Kolata

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