
„Faust“ als Rockmusical im ehemaligen Marinehafen Kiel
Seit Goethe packt der Faust-Stoff kreative Köpfe. Es gibt unzählige Adaptionen, als Ballett, Oper, sogar im Operetten-Format von Hervé – und nun, rockig aufgemotzt von Leo Schmidthals und Christian Neander, als spannendes Musiktheater auf dem ehemaligen Marinegelände: eine großformatige Open-Air-Produktion des Kieler Theaters. Regisseur Daniel Karasek und sein Dramaturg Jens Paulsen verpassen dem prominenten Klassiker eine frische Textfassung und verlegen die Handlung in eine dystopische Gegenwart. Die oft balladesken Songs grundieren diesen Aspekt, das raffinierte Bühnenbild von Lars Peter mit vielen Treppen und Podesten assoziiert außerdem kosmische Dimensionen. Viel künstlerischer Anspruch ist da zu spüren und Langmut beim Publikum gefordert, denn der neue „Faust“ streckt sich ohne Ermüdung über rund dreieinhalb Stunden. Der starke Schlussbeifall spricht für einen Erfolg.
Faust nörgelt am Laptop. Er will erforschen, Zusammenhänge verstehen, Geheimnisse enthüllen. Ein permanent bedrängter, kauziger Wissenschaftler, unerfüllt, lebensmüde bis zum Suizidgedanken. Den vertreibt ausgerechnet das Ostergeläut der Kirchen und prompt springt Mephisto ins Geschehen. Nach seinem Deal mit Gott will er den vereinsamten Akademiker zum Ego-Trip qua Kontrakt nötigen: Eine turbulente Reise in die schroffen Abgründe erotischer Obsessionen, Manie und zügelloser Selbstsucht. Die entflammte Liebe zu Gretchen, hier Widerstandskämpferin, bleibt Episode. Am Ende steht eine Klage mit offenem Ausgang.
Wortgewaltig zeigt sich auch dieser „Faust“, aufgeladen mit Philosophie und Moral, den ewig gültigen Themen wie Selbstverwirklichung, dem Konflikt zwischen Trieb und Verstand, Schaffensdrang und Dekonstruktion, Ekstase und Wissensdurst. In zugespitzten Momenten entfaltet die Produktion ihre besondere Kraft, eine brodelnde Energie, die, musikalisch heftig befeuert, Emotionen in höchste Aggregatzustände drängt, zum Beispiel in Fausts explosiver Metamorphose vom alten zum jungen Mann. Die meist rockigen Songs von Schmidthals und Neander der Kultband SELIG verdichten, heizen an, schaffen Resonanzböden für Gefühle oder Sehnsüchte, darunter „Mephisto Superstar“ oder „Zwei Seelen“. Daniel Karasak lotet die Fallhöhe der Vorlage geschickt aus, arrangiert stimmige Szenen und hält den Bogen straff. Unterstützt wird er von Choreograf Gregory Antemes, der Hexen und Satansgesellen in diabolische Schwingung versetzt, optisch perfekt garniert durch die Atmosphäre stiftenden Videos von Moritz Boll und Claudia Spielmanns heutiges Outfit suggerierenden Kostüme.
Jonathan Wolters entwickelt mit der Live-Band einen knackigen, oft kantigen Soundtrack und zeigt unter anderem im poppigen Sauflied auch ein Gespür für Ironie. Das gesamte Personal-Tableau überzeugt, wirft sich konzentriert und spielfreudig in Karasaks Lesart, selbst wenn der etwas zögerliche Verweis auf ein totalitäres Regime dramaturgisch nicht zwingend wirkt. Ganz vorn agieren die hin- und hergerissene Fayola Schönrock als aktivistisches Gretchen, Jennifer Böhm als gierige Marthe, der omnipräsente, fulminante Faust von Marko Gebbert und Mischa Warken als geschniegelt-bornierter Verführer Mephisto, der den teuflischen Pakt exzessiv ausagiert und Faust in eine irdische Hölle schubst. So kann es gehen mit den alten Stoffen, verjüngt und ausgeklügelt, musikalisch ein famos geschliffener Edelstein.
Musikalische Leitung: Jonathan Wolters • Regie: Daniel Karasek • Choreografie: Gregory Antemes • Bühne: Lars Peter • Kostüme: Claudia Spielmann • Video: Moritz Boll • Dramaturgie: Jens Paulsen • Mit: Marko Gebbert (Faust), Mischa Warken (Mephisto), Fayola Schönrock (Gretchen), Jennifer Böhm (Marthe u.a.), Tristan Taubert (Valentin u.a.), Christian Kämpfer (Wagner u.a.), Immanuel Humm (Gott u.a.) • Statisterie des Theaters Kiel • Christian Neander, Leo Schmidthals, Stephan Eggert (Band)
Aufmacherfoto: Olaf Struck




