
„Anatevka“ lockt das Publikum in Scharen
„Wenn ich einmal reich wär’ …“ Natürlich ist „Anatevka“ kein One-Hit-Musical, hat die mitreißende Musik Jerry Bocks doch weit mehr zu bieten als diesen einen Klassiker. Und doch ist es ebendieser Song, den das Publikum auch nach der jüngsten Rostocker Produktion des 1964 am Broadway uraufgeführten Werks auf den Lippen hat, als die Menschen das in die Jahre gekommene Haus verlassen. Gut gelaunt ob der unterhaltsamen drei Stunden zuvor, eines spielfreudigen Ensembles und der unter Leitung ihres Chefdirigenten Danyil Ilkiv munter aufmusizierenden Norddeutschen Philharmonie. Dem Orchester ist Bocks Mix aus Klezmer und Broadway-Sound, mal kitschig klagend, mal gefühlvoll jauchzend, wohlvertraut: Schließlich steht der Kassenfüller hier bereits zum zweiten Mal binnen 15 Jahren in neuem Inszenierungsgewand auf dem Spielplan – da sind nicht allein die populären Melodien irgendwann auch einem Klassik-Musiker in Strich und Schlag übergegangen.
Fragt sich nur, warum Regisseur Ulrich Wiggers unter solch guten Rahmenbedingungen nicht mehr wagt bei dieser Geschichte aus dem kleinen ukrainischen Dorf Anatevka am Anfang des 20. Jahrhunderts, wo wirtschaftliche Not und drohende Pogrome einer immer feindlicher agierenden Umgebung das Leben für den jüdischen Milchmann Tevje und dessen Familie zunehmend schwieriger machen. Aktuelle Ansatzpunkte gäbe es schließlich genug in Zeiten eines Russischen Angriffskriegs, der inzwischen ins fünfte Jahr geht, Millionen Heimatvertriebener weltweit oder auch wachsender antisemitischer Ressentiments und Ausschreitungen. Doch Wiggers will davon offenbar ebenso wenig wissen wie von gesellschaftlichen Brüchen oder der politisch motivierten Vertreibung einer Dorfgemeinschaft. Stattdessen setzt er auf nette Unterhaltung und Spielfreude und erlaubt sich als größte Extravaganz in diesem folkloristischen Musical den Einsatz des Chefdramaturgen Stephan Knies als (Live-)„Fiedler auf dem Dach“ (im englischen Original heißt das Stück „Fiddler on the Roof“) in fast vier Metern Höhe: Der gebürtige Schwarzwälder ist studierter Geiger.
Leif-Erik Heine hat dazu ein zeitloses, reduziertes Bühnenbild aus Koffern, Stühlen, Tischen und Baumskeletten kreiert, in dem sich neben dem Opernchor und der Rostocker Singakademie auch die Tanzcompagnie des Volkstheaters tummelt. Und natürlich die Protagonisten, allen voran Frederic Böhle, der dem Tevje nicht allein verschiedene charakterliche Facetten zu geben weiß, sondern als hart geprüftes Familienoberhaupt auch berührende Zwiegespräche mit Gott führt. Liebevoll kostümiert entstehen hier präzis gezeichnete Typen wie Tevjes älteste Tochter Zeitel (sehr präsent: Martha-Luise Urbanek), die sich gegen den Vater durchsetzt und am Ende doch den armen Schneider Mottel Kamzoil (liebenswert: Tobias Völklein) ehelichen darf. Ob Heiratsvermittlerin Jente (Katrin Heller probt den Angriff auf die Lachmuskeln), Tevjes Gattin Golde (resolut: Kirsten Scott) oder der Student Perchik (schlitzohrig: Grzegorz Sobczak) – diese Typen und Charaktere sind allesamt Menschen aus dem Leben, die in der Hansestadt entsprechend im Handumdrehen Sympathiepunkte sammeln.
Kein Wunder also, dass die meisten Vorstellungen längst ausverkauft sind und an der Abendkasse nicht wenige enttäuschte Gesichter zu erblicken sind, die vergebens noch auf eine zurückgegebene Karte gehofft hatten. Manchmal braucht es eben keine große, umstürzlerische Neuinszenierung wohlbekannter Klassiker, um das Publikum in Scharen ins Theater zu locken.
Musikalische Leitung: Danyil Ilkiv • Regie: Ulrich Wiggers • Choreografie: Kati Heidebrecht • Ausstattung: Leif-Erik Heine • Licht: Ulrich Wiggers und Stefan Zühlsdorff • Choreinstudierung: Csaba Grünfelder • Dramaturgie: Stephan Knies • Mit: Frederic Böhle (Tevje), Kirsten Scott (Golde), Martha-Luise Urbanek (Zeitel), Agostina Migoni (Hodel), Lea Hartlaub (Chava), Katrin Heller (Jente), Tobias Völklein (Mottel Kamzoil), Antje Luckstein (Schandel), Grzegorz Sobczak (Perchik), Nils Pille (Lazar Wolf), Olaf Lemme (Motschach), André Trautmann (Der Rabbi), Jaehwan Shim (Mendel), Jiwoong Shin (Awram), Hyunsik Shin (Nachum/Erster Russe), Emelie Kroon (Oma Zeitel/Fruma-Sarah), Alexander Nielsen (Jussel), Ulrich K. Müller (Wachtmeister), Joshua Walton (Fedja), Flurin Stocker (Sascha), Stephan Knies (Fiedler auf dem Dach) • Tanzcompagnie, Opernchor, Extrachor und Statisterie des Volkstheaters • Singakademie Rostock • Norddeutsche Philharmonie Rostock
Aufmacherfoto: Thomas Mandt




