
„Die Cher Show“ feiert ihre umjubelte Europa-Premiere
Jukebox-Musicals, die eine Biografie entlang der großen Hits eines Stars nacherzählen, sind immer noch gute Garanten für ordentlich gefüllte Häuser. Es ist also nur konsequent, wenn ein noch junges Entertainment-Label wie ShowSlot in seiner neuen Produktion auf einen Popkultur-Superstar wie Cher setzt. Schließlich müssen die Millionenkosten am Ende wieder eingespielt werden, die Hallen und Theater auf der anstehenden, mehrmonatigen Tour von Wien bis Berlin gefüllt werden – kein ganz einfaches Unterfangen bei Ticketpreisen bis zu 135 Euro. Da kann es schon hilfreich sein, wenn das Publikum Songs wie „I Got You Babe“ oder „If I Could Turn Back Time“ mitsummen und -singen kann. Und es braucht dann auch nicht unbedingt die große, imposant ausgestattete Bühne, was naturgemäß bei einem Dutzend verschiedener Spielorte ohnehin kaum zu realisieren ist.
So setzt „Die Cher Show“ bei ihrer Europa-Premiere in der Wiener Stadthalle denn auch vor allem auf die Hits und Musik der Pop-Ikone. Die Protagonistin ist gleich dreifach besetzt: zum einen als „Babe Cher“ (Pamina Lenn), jene Teenagerin, die einst ihrem ersten Mann Sonny Bono verfiel; dann als „Lady Cher“ (Hannah Leser), die in den 70er Jahren Hollywood aufwirbelte; und schließlich als der heutige „Star Cher“ (Sophie Berner) mit schwarzer Lederjacke, Netzstrumpfhose und wallenden Locken, der scheinbar niemals altert. Was zum einen drei wirklich gute Sängerinnen auf die Bühne bringt, zum anderen aber auch diese Hommage an die 60-jährige Karriere der Titelfigur nicht gänzlich des Lebensalltags enthebt. Denn das Trio diskutiert durchaus pointiert Lebens-, Karriere- und Liebhaberfragen: „Männer sind keine Notwendigkeit, sie sind ein Luxus – wie ein leckeres Dessert.“
Kann frau so sehen – immerhin hat die Sängerin, Schauspielerin und Unternehmerin diesen Streifzug durch die Hochs und Tiefs ihres eigenen Lebens seinerzeit für den Broadway abgesegnet. Allein: Im ersten Drittel des Abends schleppt sich die Geschichte ziemlich dahin, nicht zuletzt, da in der deutschen Übersetzung der Dialoge Witz und Humor reichlich platt ausfallen. Und spätestens in diesen Momenten macht sich dann auch die karge Bühne mit ihrer halbrunden, allein von zahllosen Cher-Schriftzügen bestückten LED-Wand bemerkbar. Wenn eben selbst das Auge keine attraktive Ablenkung mehr findet … bleibt allein die ebenso schmissig arrangierte wie herrlich tanzbare Musik der Künstlerin, die von der Live-Band tatsächlich packend intoniert und von der Dreier-Besetzung gekonnt aufgenommen wird.
Zur Pause hin finden die deutschen Texte ein anderes Niveau, und im zweiten Teil des Abends wird auch der Blick auf die Protagonistin samt den Spotlights auf einzelne Lebensabschnitte vom Haarspray-Werbespot im Teleshopping bis zur Beziehung zu ihrer Mutter differenzierter und bewegender. Und die Inszenierung kommt tatsächlich jener Idee näher, die die Protagonistin einst vor der Broadway-Premiere formulierte, als Cher sich wünschte, das Musical solle „mein Leben mit all seinen Höhen und Tiefen widerspiegeln“. Samt der Frauenpower-Message, die hier natürlich immer wieder spürbar ist – und die es auch braucht im hart umkämpften Musical-Genre, das kommerziell längst nicht immer mehr funktioniert …
Und so ist es zweifellos ein kluger Schachzug, für die Kostüme auf den Cher-Vertrauten Bob Mackie zurückzugreifen, den „Kaiser der Kristalle“, der hier einmal mehr beeindruckende Bühnenoutfits mit Pailletten und Federn geschaffen hat. Ob dies am Ende reicht, um das Publikum von gestern für das Leben der bald 80-jährigen Cherilyn Sarkisian zu begeistern, werden die Verkaufszahlen der kommenden Wochen zeigen – und damit auch ShowSlot, ob die Rechnung mit den Jukebox-Musicals aufgeht.
Musikalische Leitung: Luis Richter • Regie: Christopher Tölle • Choreografie: Christopher Tölle und Nigel Watson • Bühne und Licht: Andrew Exeter • Kostüme: Heike Seidler • Cher-Kostüme: Bob Mackie • Sounddesign: Dennis Heise • Videodesign: Duncan McLean • Mit: Sophie Berner (Star Cher), Hannah Leser (Lady Cher), Pamina Lenn (Babe Cher), Jan Rogler (Sonny Bono), Hanna Kastner (Georgia Holt), Simon Rusch (Gregg Allman/Rob Camiletti u.a.), Maximilian Vogel (Bob Mackie u.a.) u.a.
Aufmacherfoto: Nico Moser für ShowSlot




