
Düstere Neuproduktion von Sondheims Klassiker „Into the Woods“
Die Idee, verschiedene Märchen in Musical-Form miteinander zu kombinieren, ist an sich bereits ein äußerst reizvoller Einfall. Stephen Sondheim und James Lapine gehen in ihrem Klassiker „Into the Woods“ noch einen Schritt weiter: Sie lassen nicht nur Figuren wie Rotkäppchen, Aschenputtel oder Rapunzel aufeinandertreffen, sondern präsentieren eine ebenso witzige wie tiefgründige Reflexion über Wünsche, Verantwortung und die Folgen scheinbar erfüllter Träume. Während im ersten Akt eine Reihe bekannter Märchen noch recht traditionell – wenn auch mit einigen Twists – erzählt wird, dekonstruieren die Autoren die vertrauten Stoffe und Figuren nach der Pause systematisch.
Jordan Feins neue Inszenierung dieses Musicals im Londoner Bridge Theatre ist bewusst düster gehalten und betont konsequent die dunklen Seiten der Grimm’schen Märchenvorlagen – etwa beim Tod des Wolfes, den man selten so blutig gesehen hat. Zunächst startet der Abend jedoch ganz minimalistisch. Umso eindrucksvoller entfaltet der am Ende der Eröffnungsnummer erscheinende hyperrealistische Wald (Ausstattung: Tom Scutt) seine Wirkung. Mit Aideen Malones stetig wechselnden, atmosphärischen Lichtstimmungen werden die unterschiedlichsten Spielflächen geschaffen, sodass die Inszenierung bisweilen ein geradezu filmisches Tempo erhält.
Gleichzeitig bietet der Abend zahlreiche magische Theatermomente, von denen die „Last Midnight“-Nummer der Hexe nur eines der vielen Highlights ist. Effekte werden in Maßen eingesetzt – etwa Cinderellas Vögel, die mit Schattenriss-Projektionen gestaltet sind –, ohne die Inszenierung zu überfrachten. Die Riesin im zweiten Akt allein über bedrohliche Toneffekte darzustellen (perfekter Sound: Adam Fisher), ist zudem eine sehr kluge Entscheidung.
Im Zentrum des hochkarätigen Ensembles steht Jamie Parker als Bäcker, der zusammen mit Katie Brayben in der Rolle der Bäckersfrau durch sein ebenso präzises wie natürliches Spiel zum klaren Sympathieträger des Abends wird. Kate Fleetwood hat als Hexe eine ganz eigene Interpretation dieser ikonischen Rolle gefunden, in der sie ein optimales Gleichgewicht aus absurder Komik und tiefgreifender Emotionalität hält. Besonders stark sind auch die jüngeren Rollen besetzt: Rotkäppchen (Gracie McGonigal) und Jack (Jo Foster mit einer packenden Darbietung von „Giants in the Sky“) beeindrucken mit ihrer hohen Energie und sicherem Timing. Auch Chumisa Dornford-May überzeugt als Cinderella schauspielerisch wie stimmlich und liefert eine fein nuancierte Interpretation von „On the Steps of the Palace“. Oliver Saviles (auch als exaltierter Wolf zu sehen) und Rhys Whitfields herrlich überzeichnete, weltfremde Prinzen fungieren als wunderbarer Comic Relief; ihre beiden „Agony“-Nummern sichern sich verdient die größten Lacher des Abends.
Abgerundet wird das Ensemble durch Valda Aviks als rüstige Großmutter, Julie Jupp als Jacks überfürsorgliche Mutter, Bella Brown als überdrehtes Rapunzel und Michael Gould als nüchternen Erzähler mit einem feinen Sinn für Humor.
Für den optimalen Klanggrund am Abend sorgt Musical Director Mark Aspinall mit seinem zwölfköpfigen Orchester, das auf zwei Emporen im Zuschauerraum platziert ist. Jonathan Tunicks schillernde Orchestration klingt zwar nicht ganz so ausladend wie bei manch anderer Inszenierung, aber für den vergleichsweise intimen Rahmen mehr als geeignet. Insgesamt gelingt dem Bridge Theatre mit dieser Produktion eine stimmungsvolle, wenn auch düstere Version von „Into the Woods“, die musikalisch wie szenisch überzeugt und beim Publikum auf euphorische Resonanz stößt.
Musical Supervision und Musikalische Leitung: Mark Aspinall • Regie: Jordan Fein • Movement Director: Jenny Ogilvie • Ausstattung: Tom Scutt • Puppendesign: Cheryl „Chuck“ Brown, Max Humphries und Tom Scutt • Licht: Aideen Malone • Sounddesign: Adam Fisher • Videodesign: Roland Horvath • Mit: Valda Aviks (Grandmother/Giant), Taite-Elliot Drew (Cinderella’s Father), Katie Brayben (Baker’s Wife), Bella Brown (Rapunzel), Chumisa Dornford-May (Cinderella), Kate Fleetwood (Witch), Jo Foster (Jack), Michael Gould (Narrator/Mysterious Man), Jennifer Hepburn (Cinderella’s Stepmother), Hana Ichijo (Lucinda), Julie Jupp (Jack’s Mother), Gabrielle Lewis-Dodson (Florinda), Gracie McGonigal (Little Red Ridinghood), Hughie O’Donnell (Steward), Jamie Parker (Baker), Oliver Savile (Cinderella’s Prince/Wolf), Rhys Whitfield (Rapunzel’s Prince)
Aufmacherfoto: Johan Persson




