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Farm der Tiere – Das Musical

Orwell goes Punk-Rock

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oRT
Theater für Niedersachsen
von
Manuel de Rien (Musik)
Oliver Graf (Buch und Liedtexte)
Regie
Jan Holtappels
Uraufführung
2026

Die Uraufführung „Farm der Tiere“ warnt vor Diktaturen

Punk-Rock hat bei der Musical-Company des Theaters für Niedersachsen eine kleine Tradition. Denn schon bei der Weltpremiere des Musicals „Woyzeck“ landeten Musiker Manuel de Rien und tfn-Intendant Oliver Graf als Librettist einen umjubelten Volltreffer. Entsprechend ging es da nicht nur inhaltlich, sondern auch musikalisch zur Sache – teilweise bis an die akustische Schmerzgrenze.

Nun hat sich das erfolgreiche Duo die Fabel „Farm der Tiere“ von George Orwell vorgenommen, um daraus erneut ein Punkrock-Musical zu kreieren. Diesmal aber geht es trotz der ebenfalls unter die Haut gehenden Story ein wenig gemäßigter zur Sache, ohne allerdings an künstlerischer Qualität zu verlieren. Dabei wird nicht die legendäre Londoner Bühnenfassung von 1984 gespielt, Graf und de Rien kreierten eine eigene Adaption des Orwell-Romans.

Der Plot: Die vom Farmer terrorisierten Schweine verjagen den brutalen Bauer und nutzen die gewonnene Freiheit, eine Community zu gestalten, die von Gleichheit und Gerechtigkeit bestimmt ist. Doch bald schleicht sich das Schwein Napoleon an die Macht, vertreibt seinen Kumpel Snowball und herrscht schließlich als immer autoritärer werdender Herrscher. Statt vom Farmer werden die Tiere nun vom Schweine-Diktator Napoleon beherrscht – es endet im brutalen Chaos …

Der seinerzeit noch überzeugte Kommunist Orwell verpackte in dieser 1945 geschriebenen Fabel sein Entsetzen, wie es von der Russischen Revolution zur Schreckensherrschaft Stalins kommen konnte. In Hildesheim wird daraus ein Spiel, das ständig an Entwicklungen wie in Ungarn, der Slowakei und vor allem in den USA denken lässt. Auch die Erinnerung an die Nazi-Zeit wird wachgerufen und der Blick auf aktuelle radikale Tendenzen in Deutschland geschärft.

Lars Linnhofs Bühnenbild lässt in seiner Mischung aus heruntergekommener Industrieanlage oder auch eines Schlachthofes optisch den Zerfall der gesellschaftlichen Strukturen erkennen. Auch die Kostüme, in die sich die Akteure zu Beginn auf offener Bühne zwängen, entsprechen dieser eher desolaten Lebenssituation. Farid Halim bringt dann die ganze Schweinerei ins tänzerische Rocken, Stampfen und Schwingen. Und es wird super gesungen, wobei es auch den einen oder anderen Titel mit Ohrwurm-Verdacht gibt. Unterstützt werden die Darsteller von einer Band, die unter der Leitung von Andreas Unsicker immer den richtigen Sound, Rhythmus und Drive findet: eine Klasse für sich.

Das ganze Stück ist derartig auf eine Ensemble-Leistung abgestimmt, dass es unmöglich ist, einzelne Personen gesondert zu nennen. Alle spielen auf gleicher Augenhöhe ihre Parts, die ihnen teilweise emotional viel abverlangen. Denn es kommt zu brutalen Szenen, die offenlegen, wie Diktaturen funktionieren. Bespitzelung, Verdächtigungen, Folter, Hinrichtungen verbreiten Angst, sie treiben die Schweine in die Ecken und ins Verborgene. „Hätten wir doch nie einen Führer ernannt“, können die Geschundenen am Ende nur noch sagen.

Der Jugendchor des tfn ist in das ganze Geschehen toll singend integriert. Einziges Manko dieser Produktion: Die Textverständlichkeit leidet unter der nicht optimalen Tonabnahme der Stimmen.

Trotz der düsteren Atmosphäre des Stücks reißt die Inszenierung das Publikum zu Begeisterungsstürmen hin. Es ist sehr lobenswert, auf welch gelungene Weise das Haus die Chance nutzt, mit seiner Musicaltruppe auch gesellschaftlich relevante Stoffe auf die Bühne zu bringen. Dass diese Angebote so gut besucht sind, bestätigt die Richtigkeit des Weges.


Musikalische Leitung: Andreas Unsicker • Regie: Jan Holtappels • Choreografie: Farid Halim • Ausstattung: Lars Linnhoff • Dramaturgie: Julia Hoppe • Mit: Guido Kleineidam (Old Major aka Willington Beauty (Erzähler)), Daniel Wernecke (Napoleon), Lorin Goltermann (Snowball/Hund), Jack Lukas (Squealer), Ömer Örgey (Boxer), Marion Wulf (Clover), Natalie Patricia Friedrich (Mollie u.a.), Silke Dubilier (Benjamin), Annemarie Purkert (Muriel), Jonas Heinle (Mr. Jones/Mr. Whymper) • Jugendchor des tfn

Aufmacherfoto: Tim Müller

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