20260421 LAZARUS HP1 STAATSTHEATERDA NH1962 PRINT | MUSICAL TODAY

Lazarus

Psychedelische Bilder im Schwebezustand

qi addons for elementor placeholder | MUSICAL TODAY
oRT
Staatstheater Darmstadt
von
David Bowie (Musik und Liedtexte)
Enda Walsh (Buch)
Peter Torberg (Deutsche Dialoge)
Regie
Sascha Hawemann
Uraufführung
2015

Im David-Bowie-Musical „Lazarus“ verzweifelt ein Außerirdischer an der menschlichen Existenz

Enigmatisch, surreal und spirituell aufgeladen – so lässt sich das Musical „Lazarus“ mit Songs von David Bowie und einem Buch von Enda Walsh wohl am besten beschreiben. Das Stück basiert auf Walter Tevis’ Roman „The Man Who Fell to Earth“, in dessen Verfilmung 1976 Bowie die Hauptrolle übernommen hatte. Im Zentrum steht Thomas Jerome Newton, ein Außerirdischer, der auf die Erde kommt, um Wasser für seinen Heimatplaneten zu suchen, jedoch auf der Erde bleibt. Durch seine fortschrittliche Alien-Technologie gelangt Newton zu Wohlstand, verliebt sich in die junge Mary-Lou, verzweifelt allerdings letztlich an der Kälte der menschlichen Zivilisation.

Statt eines klaren narrativen Bogens präsentiert Walshs Buch eine assoziative Szenenfolge, wobei Bowies Songs – darunter vier neue Nummern, während der Rest im Geiste eines Jukebox-Musicals aus Bowies Œuvre zusammengestellt wurde – eher als loser Kommentar denn als Mittel zur Handlungsentwicklung fungieren. Sascha Hawemanns fragmentarische Inszenierung trägt nur wenig dazu bei, aus der sprunghaften Bilderfolge einen konsistenten Abend zu formen. Er setzt das Stück, inspiriert von Bowies Biografie, in den Kontext einer Performance und lässt die Darsteller kontinuierlich die vierte Wand durchbrechen. Hierzu wird neben mitunter recht platten visuellen Gags mehrfach neuer Text in das Stück eingefügt, der zwar für reichlich Gelächter im Publikum sorgt, aber wenig zum Verständnis der kryptischen Handlung beiträgt. Stellenweise wirkt die Inszenierung beinahe so, als würde man das Ausgangsmaterial, das einen sehr bedrückenden Blick auf die Gesellschaft wirft, nicht ernst genug nehmen.

Musikalisch gelingt es der Produktion andererseits außerordentlich gut, den psychedelisch-eindringlichen Duktus von Bowies Songs einzufangen: Die siebenköpfige Band unter der Leitung von Xell. liefert einen ebenso präzisen wie atmosphärischen Klanggrund, über den die Darsteller die Songs mit roher Ausdrucksstärke performen. Sebastian Graf absolviert als Newton im Lauf des zweistündigen Abends eine regelrechte emotionale Tour de Force. Scheinbar mühelos changiert er zwischen der Verzweiflung und Resignation eines abgestürzten Glamrock-Stars und den zerbrechlichen Glücksgefühlen in den Erinnerungen an seine geliebte Mary-Lou.

An Grafs Seite agiert Laura Eichten in der Rolle eines namenlosen Mädchens, durch das Newton Hoffnung schöpft, vielleicht doch noch auf seinen Heimatplaneten zurückkehren zu können. Eichtens heiter-leichtfüßige Art bildet einen guten Kontrast zum drückend-exaltierten Spiel des restlichen Ensembles. Ihre Interpretation des Bowie-Klassikers „Life on Mars?“ sorgt für Gänsehautmomente und zählt zu den musikalischen Höhepunkten des Abends. Aus dem Ensemble sticht zudem Aleksandra Kienitz heraus, die Newtons Haushälterin Elly mit draufgängerisch-explosiver Energie und einem guten Gespür für Comedy gibt, sowie Stefan Schuster als bedrohlich-verführerischer Valentine.

Die symbolische Aufladung dieser Rolle wird durch Ines Burischs bildstarkes Kostümdesign unterstützt, das Valentine zum Finale als imposanten Todesengel auftreten lässt. Deutlich reduzierter gestaltet sich das Set von Wolf Gutjahr: ein weißer Bühnenraum mit beweglichen Elementen, der die performativen Aspekte der Inszenierung unterstreicht – und gleichzeitig als Projektionsfläche für Konrad Kästners assoziative Videoeinspielungen fungiert, die die fragmentarisch-psychedelischen Szenen im Fluss halten.

Insgesamt handelt es sich bei „Lazarus“ um ein bewusst rätselhaftes Musical, das in der Darmstädter Inszenierung vor allem musikalisch überzeugen kann: Bowies Songs halten das Werk zusammen und werden hier ebenso authentisch wie wirkungsvoll dargeboten. Der Plot und die Spielszenen bleiben hingegen enigmatisch und dienen in erster Linie als verbindendes Element zwischen den eindrucksvollen Musikperformances.


Musikalische Leitung: Xell. (Alexander Xell Dafov) • Regie: Sascha Hawemann • Bühne: Wolf Gutjahr • Kostüme: Ines Burisch • Licht: Alexander Henze • Videodesign: Konrad Kästner • Dramaturgie: Alexander Kohlmann • Mit: Sebastian Graf (Newton), Laura Eichten (Mädchen), Aleksandra Kienitz (Elly), Stefan Schuster (Valentine), Thorsten Loeb (Michael/ Zach), Hubert Schlemmer (Ben), Sarah Steinemer (Maemi/Teenage Girl 1), Victoria Isabel Pfitzner (Teenage Girl 2), Annika Netthorn (Teenage Girl 3) • Statisterie des Staatstheaters Darmstadt

Aufmacherfoto: Nils Heck

Spielorte

Archiv