
Die Freilichtspiele Moosegg verabschieden sich mit einer Uraufführung, die besser nicht passen könnte
30 Jahre lang wurde auf der Waldbühne Emmenmatt Theater gespielt. 1997 von Peter Leu gegründet, prägten Gotthelf-Adaptionen und Dialektstücke von Anfang an das Profil der Freilichtspiele Moosegg. Seit Simon Burkhalter 2017 die künstlerische Leitung übernahm, kamen Musicals hinzu und das Konzept ging auf. Nun endet diese Ära selbstbestimmt: Burkhalter zieht zum Jubiläum einen Schlussstrich nach dem Motto „Aufhören, wenn es am schönsten ist“. Die letzte Spielzeit beginnt mit der Uraufführung von „Gotthelfs Kinder“, einem eigens zu diesem Anlass kreierten Stück.
Das Musical von Paul Steinmann und Bruno Leuschner entstand in enger Zusammenarbeit mit Burkhalter, der auch die Liedtexte schrieb. Es versammelt die drei erwachsenen Kinder Gotthelfs im Gasthof „Ochsen“ in Lützelflüh. Was als Erbschaftsgespräch beginnt, entwickelt sich zu einem Familienporträt: Erinnerungen leben auf, verdrängte Wahrheiten kommen ans Licht, Szenen aus Gotthelfs Büchern vermischen sich mit historischen Fakten. Dabei gestattet man sich einen kritischen und ganz neuen Blick auf Gotthelf als Vater.
Regisseur Martin Schurr setzt auf eine Inszenierung, die atmet. Inmitten der sanften Hügellandschaft des Emmentals nimmt sich das Stück Zeit und überrascht, wenn man es am wenigsten erwartet. Die Bühne fügt sich in eine natürliche Waldlichtung ein. Mal entfaltet sich das Geschehen in bernerischer Gemächlichkeit, mal nimmt es Tempo auf. Besonders gelungen sind die Rückblenden, in denen die drei Protagonistinnen und Protagonisten als junge Alter Egos auftreten.
Wunderschön ist das alte Berndeutsch mit seinen charakteristischen Ausdrücken. Als Kontrast sprechen Wirt und Magd im breitesten Schwarzwälder Dialekt und sorgen für humorvolle Momente. Die Musik kommt meist vom Band. Die stärksten Augenblicke entstehen, wenn die drei Hauptfiguren selbst zu den Instrumenten greifen. Ergänzt wird das Ensemble durch den großen Chor der LützelflüherInnen, dessen Harmonien und Stimmkraft zu den Höhepunkten des Abends zählen.
Das Bühnenbild von Toni Bachmann und Christian Burkhalter ist schlicht gehalten: rechts das Wirtshaus, links eine kleine Drehbühne, die immer wieder Bewegung ins Stück bringt, dahinter hochaufragende Tannen und der Wald. Diese Reduktion lenkt den Fokus auf das Wesentliche: die Menschen, die alle mit viel Herzblut bei der Sache sind.
Gesanglich ragt Simon Burkhalter als Albert mit warmem Bariton heraus. Seine Stimme berührt und trägt. Anouk Plattner verkörpert die nachdenkliche Henriette mit viel Ausstrahlung und zurückhaltender Eleganz, während Sandra „Bibe“ Leon als quirlige Cécile mit Spielfreude, Leichtigkeit und starker Stimme überzeugt. Wenn die drei Geschwister gemeinsam singen, verschmelzen ihre unterschiedlichen Stimmfarben zu einem harmonischen Ganzen.
Martin Schurr glänzt als Wirt in einer Doppelrolle mit viel komödiantischem Talent. Stefanie Verkerk beeindruckt als Serviertochter und später als Schwarze Spinne mit intensiver Bühnenpräsenz und starker Stimme. Danièle Themis überzeugt in ihren drei Rollen mit großer Wandelbarkeit. Ein besonderes Highlight sind die Kinderdarstellerinnen und -darsteller, die dem Abend Frische verleihen. Die Altersspanne der Beteiligten reicht von fünf bis 80 Jahren – diese Bühne zeigt das Leben in seiner ganzen Vielfalt.
Bei den Kostümen von Manon Noëmi Criblez stechen die farbenprächtigen Trachtenschürzen hervor. Besonders gelungen ist auch die Kleidung der Kinder. Die Choreografien von Stefanie Verkerk und Martin Schurr sind einfach, aber stets wirkungsvoll. Am Ende setzt eine Bücher-Choreografie einen stimmigen Schlusspunkt, der das Thema des Abends noch einmal auf den Punkt bringt.
Was Burkhalter und Team – und ihre Vorgänger – hier über drei Jahrzehnte aufgebaut haben, verdient höchsten Respekt. Was bleibt, sind die Erinnerungen an ein Theater, das seiner Region treu geblieben ist. „Gotthelfs Kinder“ ist mehr als ein letztes Stück: Es ist eine Liebeserklärung und ein würdiger Abschluss zugleich.
Regie: Martin Schurr • Choreografie: Stefanie Verkerk und Martin Schurr • Bühne: Toni Bachmann und Christian Burkhalter • Kostüme: Manon Noëmi Criblez • Maske: Marina Keller • Chorleitung: Simon Langenegger • Mit: Anouk Plattner (Henriette Rüetschi-Bitzius), Sandra „Bibe“ Leon (Cécile von Rütte-Bitzius), Simon Burkhalter (Albert Bitzius), Stefanie Verkerk (Minna Moser), Martin Schurr (Oskar Moser/Monsieur Girard), Danièle Themis (Elisi/Tante Marie/Mutter Bitzius), Talib Hatzoglou (Albertli), Lia Schär (Jettli), Meret Lötscher (Syggeli) • Chor der LützelflüherInnen
Aufmacherfoto: Simon Schwab




