
Sondheims „Sweeney Todd“ setzt auf die bekannten Gruseleffekte
Stephen Sondheim selbst verpasste seinem 1979 uraufgeführten Werk „Sweeney Todd“ den Genretitel Operette – und so kommen dem gern als Musicalthriller verkauften, prächtigen Gruselstück vom teuflischen Barbier aus der Fleet Street in der Neuinszenierung des Theaters Lüneburg die nicht wenigen Opernsänger im Ensemble denn auch wohl zupass. Hat doch der Meister seinen packenden musikalischen Blutrausch nicht nur fast vollständig durchkomponiert, sondern neben epischer Dramatik und sattem Klang auch manch kostbare Ohrwürmer und Melodien geschaffen. Was die Geschichte immer wieder unter die Haut gehen lässt – zumindest, sofern die Sängerinnen und Sänger über Wortdeutlichkeit und Darstellung hinaus auch stimmlich mitspielen …
Zweifellos der Fall ist dies bei Navina Heyne, die in die Rolle von Todds Komplizin Mrs. Lovett schlüpft und der Londoner Pastetenhändlerin das Image einer durchtriebenen, ebenso attraktiven wie witzigen Halbweltdame verpasst; nicht nur stimmlich avanciert sie zur treibenden Kraft hinter dem mörderischen Geschehen des Abends. Dagegen hat es selbst der altgediente Musicalmann Thomas Borchert in der Titelrolle schwer, Mitgefühl für (s)einen Serienmörder zu erwecken, wenn der einst zu Unrecht in die Verbannung geschickte Barbier Benjamin Barker jetzt als Sweeney Todd Rache nehmen will an jenem korrupten Richter, der ihn vor 15 Jahren aus purem Eigennutz verurteilte und ihm seine Frau ausspannte. Nun will ebendieser Meister der Barbierkunst seinem Peiniger mit dem Rasiermesser die Kehle aufschlitzen und übt, einmal auf den Geschmack gekommen, die neu gewonnenen Fertigkeiten erstmal wie im Rausch, um die frisch ermordeten armen Teufel geradewegs vom schicken, leuchtend roten Barbierstuhl in die Backstube zu befördern. Denn seine findige Geschäftspartnerin hat rasch Geschmack an dem besonderen Fleisch gefunden und bietet alsbald die begehrtesten Fleischpasteten ganz Londons an …
Makaber? Durchaus. Zumal Regisseur Olaf Schmidt das Licht fast durchweg auf eher düstere, (blut-)rötliche Töne dimmen lässt und Dirigent Peter Foggitt durchaus Sensibilität für die raffinierte, vom Schlagzeug dominierte Instrumentation beweist. Mehr als einmal lässt er Sondheims wohlbekannte Gruseleffekte horrormäßig zur Geltung kommen. Um viel mehr soll es in dieser Inszenierung offenbar auch nicht gehen – in Großbritannien kommt das Stück schon mal als Anklage gegen klassenbedingte Ungerechtigkeit oder eine entfesselte Industrialisierung daher –, und so können sich die Figuren denn auch entfalten, sofern ihre Stimmen denn die nötigen gestalterischen Intonationsfähigkeiten aufbringen. Was bei einer Lavinia Husmann als Todds verschollen geglaubter Tochter Johanna ebenso der Fall ist wie bei Marcus Billen als Büttel Bamford, während Andrea Marchetti in seiner Rolle als Todds Reisegefährte Anthony Hope oder Karl Schneider als Möchtegern-Starfriseur Pirelli doch eher blass bleiben. Zumal nicht nur sie immer wieder Probleme haben bei der rhythmischen (Fein-)Abstimmung mit dem Orchester. Was am Ende zu einem eher durchwachsenen musikalischen Gesamteindruck führt, neigen doch auch die Orchestermusiker bisweilen zu einer gewissen Schwerfälligkeit, die der Partitur nicht wirklich angemessen ist. Eher schon dem arg reduzierten, blassen Bühnenbild (Ausstattung: Barbara Bloch), dem selbst bei der Pastetenbäckerei das nötige Feuer fehlt. Schade um Sondheims durchaus stimmigen Opernansatz …
Musikalische Leitung: Peter Foggitt • Regie und Choreografie: Olaf Schmidt • Ausstattung: Barbara Bloch • Mit: Thomas Borchert (Sweeney Todd), Navina Heyne (Mrs. Lovett), Andrea Marchetti (Anthony Hope), Lavinia Husmann (Johanna Barker), Leo J. Ehmke (Tobias Ragg), Steffen Neutze (Richter Turpin), Marcus Billen (Büttel Bamford), Aleksandra Nygaard (Lucy/Bettlerin), Karl Schneider (Adolfo Pirelli), Eric Keller (Mr. Fogg), Oliver Hennes (Ein Vogelhändler), Lasse Kuk, Paul Rößler, Oliver Hennes (Drei Tenöre) • Haus- und Extrachor • Musical-Ensemble (Mitglieder der Studienvorbereitenden Ausbildung der Musikschule der Hansestadt Lüneburg) • Lüneburger Symphoniker
Aufmacherfoto: Jochen Quast




