
Mitklatsch-Orgien für „Footloose“
Stolz kommen sieben in Cowboy-Outfits gekleidete Männer im Gänsemarsch auf die Bühne, steigen in meterhohe Holztürme, die den Schriftzug C-H-I-C-A-G-O bilden – und fahren den Ort hinaus, an dem die Handlung des Musicals beginnt. Dieses humorige Opening ist typisch für die Wertschätzung, die die Emsländische Freilichtbühne ihrem überwiegend semi-professionellen Ensemble entgegenbringt: Die üblicherweise unsichtbaren Bühnenarbeiter werden hier sichtbar inszeniert und gleich mit dem gebührenden Applaus belohnt.
In Chicago beginnt eine Geschichte, die auf einer wahren Begebenheit beruht: In Elmore City, einer Kleinstadt in Oklahoma, herrschte seit 1898 ein öffentliches Tanzverbot, das erst 1980 aufgehoben wurde. Dieses absurde Ereignis inspirierte Hollywood 1984 zu „Footloose“, eroberte 1998 als Musical den Broadway und erlebte dann 2011 ein Leinwand-Remake. Auch in Meppen stand das Musical 2007 schon einmal auf dem Programm – und hat nichts von seiner Aktualität verloren, denn unter Trump feiern die sektiererischen Evangelisten wieder fröhliche Urstände.
Zu denen gehört in „Footloose“ auch Reverend Shaw Moore, der das Tanzverbot nach einem Autounfall, bei dem auch sein Sohn ums Leben kam, erlassen hatte. Ren, der mit seiner Mutter Ethel aus Chicago nach Bomont gezogen ist, kämpft nun mit seinen neuen Freunden für das Recht auf Lebensfreude, denn auch Alkohol und Rock-Musik sind dem Mann Gottes („Er ist ein MANN“, bringt es Rens Mutter süffisant-ironisch auf den Punkt) ein Dorn im Auge. Dass Ren sich dabei ausgerechnet in die Pfarrers-Tochter Ariel verliebt, die zudem mit dem Möchtegern-Macho Chuck liiert ist, macht die Rebellion nicht leichter. Nach einer ersten Niederlage im Stadtrat gelingt es Ren schließlich, den Reverend in einem persönlichen Gespräch am Grab seines Sohnes zu überzeugen – und die Jugend Bomonts kommt wieder zu ihrem Recht.
Zu seinem Recht kommt auch das Publikum in Meppen, denn die über 60 Akteure legen sich dermaßen ins Zeug, dass schon nach dem Titelsong immer wieder Mitklatsch-Orgien durch das ausverkaufte Zuschauer-Halbrund wogen. Iris Limbarth und ihr eingespieltes Team vom Jungen Staatsmusical Wiesbaden entführen wieder in eine pralle Musical-Welt: Limbarth mit ihrer feinfühligen Schauspielführung und ihren mitreißenden Choreografien, Britta Lammers mit ihrem einfallsreichen Bühnenbild und Heike Korn mit ihren fantasievollen Kostümen, alles kongenial begleitet von Holger Kaßburgs und Niklas Berentzens stimmungsvollem Lichtdesign. Und veredelt vom langjährigen musikalischen Leiter Jason Weaver, dessen Arrangements so frisch aus den Lautsprechern kommen, als säße ein Live-Orchester im Bühnenhintergrund.
Da will das spielwütige, tanz- und gesangsfreudige Ensemble natürlich nicht zurückstehen – und entfacht von seinem ersten Auftritt bis hin zum furiosen Finale eine Stimmung, in der man die Füße nicht stillhalten kann. Wunderbar vor allem das Zusammenspiel der Gast-Profis mit dem Laien-Ensemble. Weder der schon liebgewonnene, langjährige Meppen-Gast Julia Felthaus (Ariels Mutter) noch die beiden Musicalstudenten von der Essener Folkwang Universität, Leonard Linzer (Ren) und Lucia Prader-Pscheidl (Ariel), die auch schon auf großen Musicalbühnen standen, spielen sich in den Vordergrund. Felthaus’ „Hör nur einmal auf dein Herz“ ist zum Niederknien, Linzers dynamische Tanz-Performance schon fast ausgereift und Prader-Pscheidls Frische und Stimmgewalt – die bisweilen noch nach Zähmung schreit – ein Versprechen für die Zukunft.
Am liebsten würde man alle über den grünen Klee loben, behält aber vier der Laien-Protagonisten besonders im Gedächtnis: Ulrich Kaßburgs charismatisches Spiel und angenehm unaufgeregten Gesang-Monolog als Reverend Moore, Judith Tallens überzeugende Interpretation der Rolle von Rens Mutter, Jörn Tallens authentischen Chuck und die anrührende, verhuschte Komik von Florian Lake als Rens Freund Willard. Hut ab vor so viel Lust am Spiel!
Musikalische Leitung: Jason Weaver • Regie und Choreografie: Iris Limbarth • Choreografische Mitarbeit: Angelina Krauß • Bühne: Britta Lammers • Bühnenmalerei: Marcus Bank • Kostüme: Heike Korn • Licht: Holger Kaßburg und Niklas Berentzen • Sounddesign: Lennart Müller und Lars Hintze-Fitzner • Mit: Leonard Linzer (Ren McCormack), Lucia Prader-Pscheidl (Ariel Moore), Ulrich Kaßburg (Reverend Shaw Moore), Julia Felthaus (Vi Moore), Florian Lake (Willard Hewitt), Deborah Pante (Rusty), Jörn Tallen (Chuck Cranston), Judith Tallen (Ethel McCormack), Amanda Warren (Urleen), Pauline Brauer (Wendy Jo), Wiebke Billek, Annemarie Heidemann, Paula Pater (Footloose Girls) u.a. • Musik vom Band
Aufmacherfoto: Freilichtbühne Meppen/Andreas Schneiders




