
„Vorhang auf für Mord“ („Curtains“) wird zum großen Sommerspaß
Die Voraufführung ist ein Desaster, die Hauptdarstellerin Jessica eine totale Fehlbesetzung, das Stück überhaupt so schlecht, dass es Verrisse seitens der Kritik hagelt. Doch damit nicht genug: Mitten im Chaos wird Jessica ermordet. Die Polizei in Gestalt von Kommissar Tom Kiffi muss eingreifen. Er löst den Fall – nach manch unvorhergesehener Volte.
Ein Krimi im Theatermilieu, das ist der Plot des Musicals „Curtains“, dem letzten gemeinsamen Werk des legendären Broadway-Duos John Kander und Fred Ebb, das nach dem Tod des Texters Ebb von Kander und Rupert Holmes vervollständigt wurde. Das Stück wurde 2006 in Los Angeles uraufgeführt, lief dann ein Jahr lang am Broadway und war weltweit mäßig erfolgreich, auch bei den deutschen Produktionen 2011 in Coburg und 2017 in Münster.
Nun ist das brandenburgische Seefestival Wustrau in seinem 22. Jahr das Wagnis eingegangen, dem Musical eine neue Chance zu geben. Und siehe da, es funktioniert. Regisseur und Intendant Marten Sand hat „Curtains“ („Vorhang auf für Mord“) geschickt gestrafft, von Nebenrollen befreit und vor dem wunderschön am Ruppiner See gelegenen Schloss temporeich und mit viel Pep inszeniert. Rot leuchten der Vorhang vor dem Eingang, die Treppe und die mit Teppich ausgelegte Spielfläche, zwei Gaslaternen säumen die Seiten und fertig ist das Bühnenbild von Oliver Lloyd-Boehm. Der Orchestersound kommt vom Band, ist aber für eine Open-Air-Veranstaltung bis auf wenige Momente erstaunlich transparent ausgesteuert. Dazu singen die Mitwirkenden, einstudiert vom musikalischen Leiter Kai Hüsgen, Kanders mitreißende Melodien live.
„Curtains“ wirft einen satirischen Blick hinter die Kulissen des Theaters und verpackt ihn in eine Kriminalkomödie. Doch eigentlich ist die Story fast nebensächlich, zumindest in Wustrau. Hier lebt „Curtains“ vom Enthusiasmus des Ensembles und von den Showelementen. Gesine Sand nutzt jede Gelegenheit, dynamische Tanznummern in die Songs einzubauen, und kann dabei auf das Können der Darstellenden bauen. Gleichzeitig spielt sie im Stück die strenge Choreografin mit hohen Ansprüchen an das Team. Erst beim energetischen Solo ihres Schützlings Helena alias Juliane Mifka leistet sie sich weichere Züge.
Helena ist die Tochter der Produzentin, die von Lynne Ann Williams resolut und taff dargestellt wird. Ihr Song von den Tücken des Show-Geschäfts, bei dem es hauptsächlich ums Geld geht, ist einer der Höhepunkte der Show. Ein zweiter ist der Revue-Act der Autorin Georgia. Mit ihm will sie beweisen, dass sie das Zeug für die Hauptrolle hat. Henriette Schreiner legt, akkompagniert von Helena und Niki, der eigentlich vorgesehenen Zweitbesetzung, einen tollen Auftritt hin, der an Sally Bowles’ Stuhlszene im Film „Cabaret“ erinnert – eine nette Reminiszenz an den größten Erfolg von Kander und Ebb.
In Niki wiederum, die Jacqueline Krell mit viel Charme ausstattet, verliebt sich Kommissar Kiffi und infiziert sich dadurch mit dem Theatervirus. Johannes Hallervorden zeichnet die Wandlung vom pflichtbewussten Ermittler zum begeisterten, aber befangenen Musicalfan glaubwürdig nach. Und auch Komponist Anton, Georgias verlassener Ehemann, der eine kreative Krise durchlebt, gehört zum verwickelten Beziehungsgeflecht der künstlerischen Zwangsgemeinschaft. Alen Hodzovic verleiht ihm Sensibilität, in seiner gefühlvollen Art ist er ein Gegenpol zu den übrigen Personen. Aber was hat es mit dem Kritiker Danny Grasse (Stanislav Vysotskyi) auf sich? Das sei ebenso wenig verraten wie der Täter oder die Täterin. Um es herauszufinden, lohnt sich ein Ausflug nach Wustrau allemal. Die „Curtains“-Premiere jedenfalls wird, anders als in der Vorlage, zu Recht bejubelt.
Musikalische Leitung: Kai Hüsgen • Regie: Marten Sand • Choreografie: Gesine Sand • Bühne: Oliver Lloyd- Böhm • Kostüme: Ulrike Stelzig-Schaufert (Ausleih: Theater Nordhausen) • Licht: Holger Sand • Sounddesign: Florian Bujescul • Mit: Johannes Hallervorden (Tom Kiffi, Kommissar), Jacqueline Krell (Niki Harris, Darstellerin), Lynne Ann Williams (Carmen Bernstein, Produzentin), Henriette Schreiner (Georgia Hendricks, Autorin), Alen Hodzovic (Anton Fox, Komponist), Maximilian Nowka (Chris Bellin, Regisseur), Gesine Sand (Susan Pepper, Choreografin), Juliane Mifka (Helen Bernstein, Darstellerin), Harald Effenberg (Sidney Bernstein, Produzent), Stanislav Vysotskyi (Danny Grasse, Kritiker)
Aufmacherfoto: Stanislav Vysotskyi




