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Rebel Rebel Regie Ivo Van Hove. Daniel Donskoy Diego Rodriguez c Jan Versweyveld Ruhrtriennale 2026 6.jpg | MUSICAL TODAY

Rebel Rebel

Rockpoesie, die im Dunkel leuchtet

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oRT
Ruhrtriennale in der Jahrhunderthalle
von
David Bowie (Musik und Liedtexte)
Ivo Van Hove (Konzept)
Henry Hey (Arrangements)
Regie
Ivo Van Hove
UraufführunG
2026

Ivo van Hove eröffnet seinen letzten Jahrgang als Intendant der Ruhrtriennale mit einer Hommage an David Bowie

„Uraufführung mit Musik von David Bowie“ nennt Intendant Ivo Van Hove das Eröffnungsevent zu seinem letzten Ruhrtriennale-Jahrgang. Und genau das ist es auch. Hommage klänge zu brav, Nummernrevue sowieso und Musical träfe es gleich gar nicht. In den beiden Vorjahren zogen Schauspiel-Superstars auf Song-Abwegen – erst (ziemlich überzeugend) Sandra Hüller, dann (ziemlich enttäuschend) Lars Eidinger. In diesem Jahr hat Daniel Donskoy zwar nicht deren Starstatus, aber er ist eine charismatische Mehrfachbegabung, und in seinem Fall gehören Singen und Tanzen eindeutig dazu! Er ist der Bad Boy, der Gang Leader. Auf der anderen Seite stehen die Musicalprofis Diego Rodriguez und Ari Notartomaso. Als Boy und Girl sind sie das Paar, das sich gegen ihn und sein Gewaltdogma behaupten muss. Alle drei imponieren mit vokaler Kraft, tänzerischer Präzision und einer erstaunlichen Kondition.

Der Star des Abends ist allerdings der vor zehn Jahren verstorbene David Bowie, dem hier gehuldigt wird. Dessen Songtitel „Rebel Rebel“ steht als Titel über dem Abend. Als Bühne in der längst als offener Theaterraum für künstlerische Grenzgängerei etablierten Jahrhunderthalle hat Jan Versweyveld zu Füßen der Zuschauertribüne lauter ramponierte Container vor einer riesigen Projektionswand aufstellen lassen. Einer davon ist für die Band unter Leitung von Henry Hey reserviert. Der rockt als Keyboarder mittendrin – dazu ein halbes Dutzend Musiker an Bass, Gitarre Drums und Saxophone. Sie präsentieren 29 Songs, unter ihnen viele der bekannten Bowie-Hits (wie „Let’s Dance“, „Heroes“, „Starman“, „Diamond Dogs“ oder „Rock’n’Roll with Me“).

Ivo Van Hove hat über seine Auswahl von Bowie-Songs so etwas wie den Schleier einer Geschichte geworfen. Inspiriert ist sie vor allem von Bowies Protestalbum „Diamond Dogs“, mit dem er 1974 eine apokalyptische Stimmung auf den Rockmusikpunkt gebracht hat. In der Jahrhunderthalle entsteht diese befürchtete dystopische Welt als Container-Stadt vor düsteren Video-Imaginationen. Liebe ist verboten und die Gewalt von Jugendbanden gibt den Ton an. Gefühl gilt als subversive Ausnahme oder wird tabuisiert, verdrängt und ins Gegenteil verkehrt. Vor allem wenn es die „Falschen“ trifft und von der heteronormativen Ausrichtung abweicht. Ansonsten bleibt‘s beim simplen „Boy meets Girl“ und der Gang Leader hat was dagegen. Wenn er ins Zweifeln kommt und seine Angst vor Einsamkeit zugibt, drückt er das schnell mit einer bewährten Machogeste weg. Mehr ist nicht. Ein Dutzend von Choreograf Sidi Larbi Cherkaoui exzellent auf ausbrechende Gewalt getrimmte Tänzer sind jeweils Mittäter, wenn der Gang Leader auf seinem Bad-Boy-Image besteht, das als Überlebensstrategie rausbrüllt und (perfekt choreografiert) zuschlägt oder zutritt. Sie sind aber zugleich die Mitträumer, wenn sich das Paar plötzlich in eine andere Welt katapultiert. Sie bleiben hier wie dort ein – wenn auch attraktiv performendes – Anhängsel.

Trotz der drei packenden (Haupt-)Darsteller und der überzeugenden Crew von Tänzern wird aus „Rebel Rebel“ keine wirkliche Geschichte mit Tiefgang. Was sich vermittelt, ist eine Art Metaebene von dem, was Bowie in seinen Songs immer mit gemeint haben könnte. Das wird immerhin zu einem puren Energiestrom. Mit Dauerwut. Wenn man auf der Suche nach einer Geschichte bei einer „West Side Story“-Variante landet, werden die dramaturgischen Leerstellen überdeutlich. Für eingefleischte David-Bowie-Fans muss der Abend wohl doch ein Fest sein; auf Bewunderung und Beifall darf die in allen Teile perfekte Truppe bei allen Zuschauern rechnen. Eine echte, genreerweiternde Theatererfahrung war hier wohl nicht zu erwarten. Ein posthumes Musical hat Ivo Van Hove dem legendären Popstar zwar nicht zu Füßen gelegt, einen Abend der Verehrung aber schon. Das Premierenpublikum war damit zufrieden und applaudierte stehend.


Musikalische Leitung: Henry Hey • Regie: Ivo Van Hove • Choreografie: Sidi Larbi Cherkaoui • Bühne: Jan Versweyveld • Video-Design: Christopher Ash • Kostüme: An D’Huys • Licht: Jan Versweyveld • Sounddesign: Spatial*Junction, Erwin Sterk, Dennis Slot • Mit: Diego Rodriguez (Boy), Ari Notartomaso (Girl), Daniel Donskoy (Gang Leader) • Tänzer: Maryna Kushchova (Ashotivna), Zoe Hollinshead, Matys Kaïbo, Jade Bayonne, Kazutomi „Tsuki“ Kozuki, Mason Kelly, Matt Antonucci, Nathalia Meneses Gonzalez, Helena Olmedo Duynslaeger, Nelson Parrish Earl, Patrick Williams Seebacher (TwoFace) • Band: Henry Hey, Christian Frentzen, Erez Frank, Lennart Delissen, Scheroan Zibari, Chris Farr, Marc Doffey

Aufmacherfoto: Jan Versweyveld, Ruhrtriennale 2026

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