
Große Gefühle bei „The Sound of Music“
Kinder und Tiere sind immer eine sichere Bank – hier gibt es gleich sieben Kinder. Sie gehören zum verwitweten Baron Georg von Trapp, sind zwischen fünf und 16 Jahren alt, und ihr Vater sucht händeringend wieder mal eine Gouvernante. Denn die haben bisher alle das Handtuch geworfen, weil sie mit der Rasselbande nicht fertig wurden. Nun soll die junge Maria Rainer es richten, die als Novizin ihre Zukunft aber eigentlich hinter Klostermauern sieht. Sie gewinnt die Herzen der Kinder wie im Flug, weil sie mit ihnen singt und musiziert.
Klingt ein bisschen wie „Mary Poppins“, ist aber ganz anders. Denn der Baron und Maria entdecken nach einigen Turbulenzen (darunter die Auflösung der Verlobung von Georg und Elsa Schrader) ihre Liebe zueinander und heiraten. Aber es herrschen, genau wie im Musical „Cabaret“, schlechte Zeiten: Man schreibt das Jahr 1938 und gerade hat der Anschluss Österreichs an Nazi-Deutschland stattgefunden. Sogar Franz und Frau Schmidt, der Diener und die Haushälterin des Barons, sowie der jugendliche Verehrer der ältesten Tochter Liesl gefallen sich in „Sieg Heil“-Rufen. Die Trapp-Familie nimmt noch als Chor an einem Musikwettbewerb teil und gewinnt sogar, aber dann ist es höchste Zeit, Österreich zu verlassen, was mit Hilfe der Nonnen gelingt. Am Schluss sieht man die New Yorker Freiheitsstatue mit einer Gitarre im Arm.
Komponist Richard Rodgers, eine der prägendsten Gestalten des amerikanischen Musicals, schuf zusammen mit Liedtexter Oscar Hammerstein II Klassiker wie „Oklahoma!“, „Carousel“, „South Pacific“ oder „The King and I“. „The Sound of Music“ entstand 1959 und wurde in der Verfilmung mit Julie Andrews (1965) zum Welterfolg. In Deutschland war eine der Vorlagen, der 1956 erschienene Film „Die Trapp-Familie“ mit Ruth Leuwerik und Hans Holt, ein großer Erfolg.



Für Oldenburg ist „The Sound of Music“ eine Premiere, es wird hier erstmalig gespielt und dürfte sich als Renner der laufenden Spielzeit erweisen. Regisseurin Katja Wolff gelingt eine stimmige Produktion, die mit viel Gefühl direkt ins Herz geht und auch mit feinem Witz versehen ist, etwa wenn die Nonnen ihrer Lebensfreude Ausdruck geben, als wären wir in „Sister Act“. Die Inszenierung hat viele Meriten, sie zeigt auch Hoffnung und menschliche Wärme auf. Aber allein schon wie Wolff und Choreograf Thomas Helmut Heep die Bewegungsabläufe der Kinder arrangiert haben, ist sehenswert.
Das Bühnenbild von Saskia Wunsch mit seinen grünen, gerafften Vorhängen, mit riesigen Edelweißblüten und einem über Treppenstufen erreichbaren „Kommandostand“ für den Baron, von dem er Kinder und Personal mittels Trillerpfeife dirigiert, ist schlicht, aber schön anzusehen. Die einzelnen Songs und ihre häufigen Reprisen kommen mit Gyuseong Lee am Pult des Oldenburgischen Staatorchesters bestens zur Geltung, so etwa der Musikunterricht mit „Do-Re-Mi“, das hoffnungsvolle „My Favorite Things“, das Duett der Teenager „Sixteen Going on Seventeen“, das etwas schnulzige „Edelweiß“ oder das hymnische „Climb Ev’ry Mountain“. Letzteres ist das absolute Herzstück der gesamten Musik.
Als Maria nimmt Friederike Zeidler sofort für sich ein, mit ihrer jugendlichen Ausstrahlung und klarer, schöner Stimme ist sie ein Sonnenschein und steht unangefochten im Mittelpunkt. Als Baron von Trapp bringt Nicky Wuchinger viel Persönlichkeit ein. Seine Wandlung vom autoritären Familienoberhaupt zum verständnisvollen Partner überzeugt, seine Gesangsleistung („Edelweiß“) ist akzeptabel. Die weiteren Rollen sind u.a. mit Paul Brady als opportunistischem Musikmanager, Carolin Scholz als weiser und gütiger Mutter Oberin und Gabriela Ryffel als Elsa Schrader bestens besetzt. Bei den Kindern sollte keines unerwähnt bleiben: In der Premiere spielen und singen Francine Gunderson (Liesl), Michael Kölblinger (Friedrich), Nina Goesmann (Louisa), Tede Koop (Kurt), Paula Ungermanns (Brigitta), Aurelia Ramke (Marta) und Frieda Urban (Gretl).
Musikalische Leitung: Gyuseong Lee • Regie: Katja Wolff • Choreografie: Thomas Helmut Heep • Bühne: Saskia Wunsch • Kostüme: Luzie Nehls-Neuhaus • Licht: Philipp Sonnhoff • Ton: Thomas Busse und Dierk von Domarus • Chorleitung: Thomas Bönisch • Chorleitung Kinder: Gyuseong Lee • Dramaturgie: Anna Neudert • Mit: Friederike Zeidler (Maria Rainer), Nicky Wuchinger (Kapitän Georg von Trapp), Carolin Scholz (Mutter Oberin), Maaike Poorthuis (Schwester Bertha), Lea Bublitz (Schwester Margareta), Daniela Köhler (Schwester Sophia), Thomas Marx (Franz), Esther Vis (Frau Schmidt), Francine Gunderson (Liesl), Michael Kölblinger (Friedrich), Nina Goesmann (Louisa), Tede Koop (Kurt), Paula Ungermanns (Brigitta), Aurelia Ramke (Marta), Frieda Urban (Gretl), Lukas Sima Löbner (Rolf Gruber), Gabriela Ryffel (Elsa Schrader), Paul Brady (Max Detweiler), Stephen K. Foster (Herr Zeller), Sharon Starkmann (Baronin Eberfeld), Andreas Lütje (Admiral von Schreiber) • Damenchor und Statisterie des Oldenburgischen Staatstheaters • Oldenburgisches Staatsorchester
Aufmacherfoto: Stephan Walzl

