385 GP Mein Freund Bunbury Foto Dirk Rueckschloss | MUSICAL TODAY

Mein Freund Bunbury

Heimspiel mit Liebe und Begeisterung

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Eduard-von-Winterstein-Theater
von
Gerd Natschinski (Musik)
Helmut Bez und Jürgen Degenhardt (Buch)
Jürgen Degenhardt (Liedtexte)
Regie
Oliver Pauli
Uraufführung
1964

Die Witwe des Komponisten spielt mit, sein jüngster Sohn dirigiert

Es tut sich diese Spielzeit endlich etwas mehr mit Musical und Operette aus DDR-Zeiten, aber noch immer viel zu wenig. „Mein Freund Bunbury“, das erfolgreichste und bekannteste Musical der DDR, kehrt in der zweiten Neuproduktion der Nachwendezeit ans Theater in Annaberg-Buchholz zurück. Das ausverkaufte Haus begrüßte die vielen Hits und Evergreens von der sprichwörtlichen Titelmelodie bis zu den satten Tanzeinlagen wie alte Bekannte. Ganz anders als wenige Wochen vorher in der Komischen Oper Berlin: Da gab es zwar ebenfalls Applauskaskaden für „In Frisco ist der Teufel los“, aber das Publikum bewunderte diesen anderen Spitzentitel des DDR-Musiktheaters wie eine faszinierende Rarität.

Es muss also noch ganz viel getan werden, auch weil die Musicalhits der DDR-Jahre nicht selbstverständlich zu den jüngeren Generationen finden. Eine ganze wesentliche Musicalepoche des 20. Jahrhunderts harrt noch ihrer Überprüfung und aktiven Wiederentdeckung. Dafür setzen sich Gundula und Lukas Natschinski mit Leib und Leben ein. Die Witwe des Komponisten feierte am Premierenabend mit der berüchtigten Partie der Lady Bracknell nach dreißig Jahren Bühnenabstinenz ihr umjubeltes Comeback, inklusive der Song-Moritat „Ein bisschen Horror und ein bisschen Sex“. Lukas, jüngster Sohn von Gerd Natschinski, steht erstmals am Pult eines großen Orchesters. Die von Intendant Moritz Gogg mit einer Operetten- und Musicalentdeckung nach der anderen geforderte Erzgebirgische Philharmonie Aue setzt ihre satte Erfahrung ein. Die Melodien klingen frisch, vor allem glücklicherweise nicht (n)ostalgisch.

Für „Mein Freund Bunbury“ versetzte das erfolgreiche Texter-Duo Helmut Bez und Jürgen Degenhardt Oscar Wildes messerscharfe Society-Satire „Ernstsein ist alles“ aus dem Viktorianismus in die 1920er-Jahre, durchaus mit Bezug auf „My Fair Lady“. Fiktive Identitäten der Figuren ermöglichten vielschichtige Andockmomente an den DDR-Alltag, die heute kaum noch verständlich sind. Gerade deshalb reihen Regisseur Oliver Pauli und Ausstatter Martin Scherm charmante bis durchtriebene Pointen mit klaren Bildmitteln neben eine hohen Mauer aus Koffern. Einer hat sogar die Größe eines Toilettenhäuschens und dient dem unerlässlichen Wechsel von Kleidung und Gesellschaftsmasken. Es geht very british zu – mit minimalen Fehlern beim Zeigen von Anmut und Etikette. Bridgette Brothers gibt den Tänzen und Posen den letzten Schliff.

Einfach gut: Das Eduard-von-Winterstein-Theater hat die perfekte Mischung aus Gästen und Hausbesetzungen. Alle sind bis zum Letzten auf Musical und Operette eingeschworen. Das permanente Springen von einer anspruchsvollen Produktion zur nächsten in den letzten Spielzeiten kommt „Bunbury“ zugute. Richard Glöckner als Algernon verkörpert inzwischen ikonografisch den erzgebirgischen Musiktheater-Spirit. Glöckner füttert Koketterie – je nach Situation – durch Naivität oder Frechheit, wickelt mit einem treuherzigen Augenaufschlag seine Bühnentante ein und liefert sich mit seiner Geliebten Cecily sofort ein Tanzgefecht. Zsófia Szabó steigt auf ebenbürtiger Ebene in die Show ein. Das zweite Paar sind Vincent Wilke als durch stille Sanftheit gewinnender Jack und Magdalena Hallste als leuchtstarke Gwendoline. Zu den Ensemble-Juwelen gehören auch Bettina Grothkopf, die als dezent alkoholisierte Mrs. Prism ihren Charakterpartien verschiedener Geschlechter hier eine besondere Marke hinzufügt. Leander de Marel verkörpert den für allerlei Sonderkommandos rührigen Butler, László Varga und Lukáš Šimonov sind gewichtige Stichwortgeber. Das Trinklied steigert die gute Stimmung noch mehr. Die Begeisterung am Schluss glich der über die Heimkehr eines lange vermissten Kindes.   


Musikalische Leitung: Lukas Natschinski • Regie und Choreografie: Oliver Pauli • Choreografische Mitarbeit: Bridgette Brothers • Bühne und Kostüme: Martin Scherm • Chorleitung: Kristina Pernat Ščančar • Mit: Vincent Wilke (Jack), Richard Glöckner (Algernon), Zsófia Szabó (Cecily), Gundula Natschinski (Lady Bracknell), Magdalena Hallste (Gwendolen), László Varga (Frederic Chasuble/Lord Ipswich), Bettina Grothkopf (Laetitia Prism/Lady Greenham), Leander de Marel (Butler), Lukáš Šimonov (Tom/Anthony), Juliane Prucha (Lady Plumpering), Heike Schlott (Lady Ipswich), Stephanie Ritter (Maud), Bridgette Brothers (Mädchen), Uli He (Bahnbeamter/Entertainer), Justine Küchler, Lindsay Liedtke, Nataliia Ligai, Sophia Melzer-Thüm, Marie Schurtz (Showgirls) • Opernchor des Eduard-von-Winterstein-Theaters • Erzgebirgische Philharmonie Aue

Aufmacherfoto: Dirk Rückschloß/Pixore Photography

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