Bonnie & Clyde – Das Musical

Gaunerpaar wird Superstar

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Gandersheimer Domfestspiele
von
Frank Wildhorn (Musik)
Don Black (Gesangstexte)
Ivan Menchell (Buch)
Regie
Sandra Wissmann
Uraufführung
2009

„Bonnie & Clyde“ als musicalischer Abenteuer-Kick

Es ist schon erstaunlich, wie mit einfachen Hilfsmitteln die Geschichte des vielleicht berühmtesten Gaunerpaars Amerikas, Bonnie Parker und Clyde Barrow, dargestellt werden kann. Das trifft besonders auf die Fassade der Gandersheimer Stiftskirche zu, sommers als Freilufttheater genutzt. Da ist kein Platz für aufwändige Bühnenbilder. In der diesjährigen Musicalproduktion, Frank Wildhorns „Bonnie & Clyde“, bringt das Ensemble sämtliche erforderlichen Requisiten (Ausstattung: Anja Müller) mit auf die Bühne, wie Trockenhauben und Stühle, die in einem Friseursalon gebraucht werden. Mitten in einer riesigen Zeitungsseite befindet sich eine Tür, hinter der u.a. eine Gefängniszelle liegt. Der monströse Zeitungsausschnitt bedeckt die halbe Bühne. Hier wird die Suche nach dem prominenten Gaunerduo beschrieben, inklusive ihrer Erschießung durch Polizisten. Der vordere Teil eines Autos ragt aus dem Papier heraus. Im Eingangsbereich zur Kirche, wo seit 1959 die Domfestspiele stattfinden, spielt die Band vor Regen und Sturm geschützt unter Ferdinand von Seebachs souveräner Leitung.

Im Song „Superstar“ träumt die junge Bonnie (Ann-Charlotte Wittmann) davon, ein Kinostar wie Clara Bow zu sein und Clyde (Niklas Brunner) wie Billy The Kid. Währenddessen wird Bonnies Vater begraben, sie muss mit ihrer Mutter Emma (Tabea Scholz) nach West Dallas umziehen. Clyde ist ebenfalls mit seinen Eltern Cumie (Ellen Kärcher) und Henry (Kevin Dickmann) eng verbunden. Bemerkenswert: Das Buch ignoriert etliche Fakten aus dem Leben der beiden, bezieht sich fast ausschließlich auf die Beziehung von Clyde zu Bonnie, bindet die Verbundenheit mit ihren Familien ein, obwohl genau diese Nähe ihnen zum Schluss ein Verhängnis wird.

Die ältere Bonnie (Annika Steinkamp) umwirbt der Polizist Ted Hinton (Johannes Krimmel): Sie hat eine Autopanne, und der ebenfalls gealterte Clyde (Lucas Baier) bietet ihr seine Hilfe an. Es ist Liebe auf den ersten Blick, selbst als Bonnie erfährt, dass Clyde bereits im Knast saß und dass er mit seinem Bruder Buck (Tim Müller) ausgebrochen ist. Buck besucht seine Frau Blanche (Nadine Kühn) in ihrem Friseursalon. Blanche will, dass Buck sich stellt und nach der Haft ein neues Leben anfangen kann. Daraus entstehen turbulente Handlungsstränge mit Abenteuer-Kick. Aus der Begegnung zwischen Bonnie und Clyde erwächst eine enge Beziehung und das gemeinsame Interesse an kriminellen Handlungen. Sie haben gewaltigen Erfolg und werden äußerst populär – fast wie Superstars. Trotzdem enden ihre Raubzüge jäh und historisch verbrieft am 23. Mai 1934, als sie in einen Hinterhalt der Polizei geraten und im Kugelhagel sterben.

Die Musik von Frank Wildhorn gefällt, bleibt aber hinter der seiner Hit-Musicals wie „Jekyll & Hyde“ oder „Dracula“ zurück. „Bonnie & Clyde“ floppte seinerzeit am Broadway. Einige Songs stechen aber hervor: „Du liebst, wen du liebst“, „Reiß die Hölle auf“ und „Sterben ist nicht schlimm“. Regisseurin Sandra Wissmann versteht es, dem Ensemble ihr komplettes Engagement abzuverlangen, sodass die wahre Geschichte anspricht und fesselt. Annika Steinkamp steht am Beginn einer sicher erfolgreichen Karriere, sie verleiht der gereiften Bonnie sowohl verliebte Züge wie auch leichte Besessenheit zum Verbrechen. Niklas Brunner als junger Clyde überzeugt schauspielerisch wie stimmlich. Auf der Ukulele spielt er das Lied „Bonnie“, in dem Klänge aus dem Song „The Ballad of Bonnie & Clyde“ von Georgie Fame zu erkennen sind. Dirk Hinzberg bringt eine Menge Energie als Priester auf die Bühne, wenn er „Der Herr steht Dir zur Seite“ singt. Er spielt auch den Texas-Ranger Fred Hame und fungiert dabei als Drahtzieher, um Bonnie und Clyde zur Strecke zu bringen. Mit einfachen Mitteln und einer mitreißenden Truppe wird das Stück zu einem überaus sehenswerten Abend.


Musikalische Leitung: Ferdinand von Seebach • Regie: Sandra Wissmann • Ausstattung: Anja Müller • Choreografie: Dominik Müller • Mit: Annika Steinkamp (Bonnie Parker), Lucas Baier (Clyde Barrow), Nadine Kühn (Blanche Barrow), Tim Müller (Buck Barrow), Johannes Krimmel (Ted Hinton), Dirk Hinzberg (Priester), Bas Timmers (Sheriff), Tabea Scholz (Emma Parker), Kevin Dickmann (Henry Barrow), Ellen Kärcher (Cumie Barrow), Ann-Charlotte Wittmann (junge Bonnie), Niklas Brunner (junger Clyde) u.a.

Aufmacherfoto: Clemens Heidrich/Gandersheimer Domfestspiele gGmbH

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