Sister Act

Nonnen außer Rand und Band

oRT
Freilichtbühne Coesfeld
von
Alan Menken (Musik)
Glenn Slater (Gesangstexte)
Cheri und Bill Steinkellner (Buch)
Regie
Oliver Pauli
Uraufführung
2006

Eine ganze Schar ambitionierter Laien für „Sister Act“

Knapp 20 sind sie an der Zahl und sämtliche Namen beginnen mit „Schwester Mary“, jeweils addiert durch einen prominenten Zusatz: Mary Christmas, Mary Roos, Mary Poppins, Mary Nirvana, Mary Antoinette, Mary Stuart, Mary Land, Mary Joana, Mary Me, Mary Shelly sowie die beiden Köchinnen Mary Lafer und Mary Lichter. Zwischendurch grölt Deloris „Steh auf, wenn Du katholisch bist“ – da merkt jeder, wohin die Reise geht: Die Freilichtbühne Coesfeld geht in ihrer Adaption von „Sister Act“ keiner Pointe aus dem Weg.

Mit ihrem neuesten Streich ist der ambitionierten Laienschar, die die künstlerische Leitung stets in Profihände legt, abermals ein Coup gelungen. Es hat vielleicht in der Vergangenheit schon noch stärkere gesangliche Leistungen gegeben, aber die Fluktuation auf der Bühne ist hoch, oft genug gingen junge Nachwuchstalente direkt an Musicalhochschulen. Das tut dem Vergnügen aber keinen Abbruch, denn hier agiert ausnahmslos jeder mit Herzblut der Sache und nicht des Geldes wegen.

An einer Hochschule hätte auch ein aktuelles Ensemblemitglied gute Chancen – obwohl sie nur eine Nebenrolle spielt: Ehmi Hintemann, die aus der Gruppe heraussticht. Die Rolle der quirligen Nonne Mary Patrick zieht sie derart gnadenlos durch, sodass sie selbst, wenn sie nur im Hintergrund ist, zum eigentlichen Star des Abends mutiert. In den wenigen Solopassagen, die das Stück ihr bietet, liefert die junge Frau auch gesanglich eine makellose Performance.

Allen Mitwirkenden gemein ist der große Spaß, den sie an dem Klamauk haben, und gerade die Chornummern reißen mit. Der musikalische Leiter Oliver Haug und Stimmbildnerin Julie Klos leisten ganze Arbeit, in seine schmissigen Choreografien nutzt Thomas Kolczenwski allerlei einschlägige religiöse Posen und Gesten. Die Kulissen sind recht einfach gehalten und bestehen im Wesentlichen aus rollbaren Bannern mit Fotos von Kirchenfenstern. Eyecatcher ist ein echtes riesiges Fenster, das, von hinten angestrahlt, eine enorme Wirkung entfaltet, bei den Kostümen sind es die bunten und glitzernden Nonnentrachten in der Schlussnummer. In der landen die Requisiteure Ruth und Salomé Bomkamp einen der größten Lacher mit einem zum Papamobil umgebauten Elektro-Chopper.

Oliver Pauli inszeniert das Stück straff und ohne Durchhänger, er scheut sich auch nicht vor geschlechtsneutraler Besetzung: So werden zwei der drei Handlanger des Bösewichts Curty (eher schleimig als schurkig: Thomas Becker) von Frauen dargestellt, umgekehrt rennt auch dauernd eine männliche Nonne durchs Bild – vermutlich nur für einen der besten Gags des Abends. In Whoopi Goldbergs große Fußstapfen tritt als Hauptdarstellerin Sabrina Bernemann, auf die somit ein Großteil des Sologesangs entfällt. Eine Herkulesaufgabe für Amateure, die dies neben Beruf oder Ausbildung machen – sie besteht dies mit Bravour.

Insofern fällt es leicht, über kleinere Logiklöcher hinwegzusehen – wie sollen zum Beispiel Knallchargen wie die als Pinguine verkleideten Handlanger es schaffen, in die Kirche einzudringen, wenn ringsum alles für den Besuch des Papstes abgeriegelt ist? Dennoch bleiben Spaß und gute Unterhaltung großgeschrieben, vor allem dank der liebenswert dargestellten Ordensschwestern und der mitreißenden Chornummern.


Musikalische Leitung: Oliver Haug • Regie: Oliver Pauli • Choreografie: Thomas Kolczenwski • Stimmbildung: Julie Klos • Ausstattung: Harry Behlau • Mit: Sabrina Bernemann (Deloris von Cartier), Juliane Tenkamp (Mutter Oberin), Lukas Neise (Eddie Fritzinger), Katharina Herrmann (Schwester Mary Robert), Heike Hansen (Schwester Mary Lazarus), Ehmi Hintemann (Schwester Mary Patrick), Thomas Renners (Monsignore O’Hara), Thomas Becker (Curtis Jackson) u.a.

Aufmacherfoto: Freilichtbühne Coesfeld

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