Tschitti Tschitti Bäng Bäng

Ein Auto fliegt zum Erfolg

oRT
Landestheater Detmold
von
Richard M. Sherman und Robert B. Sherman (Musik)
Jeremy Sams (Buch)
Regie
Götz Hellriegel
Uraufführung
2002

Mit „Tschitti Tschitti Bäng Bäng“ an der oberen Leistungsgrenze

„Mehr geht nicht!“, so die ersten Worte des sichtlich gerührten Intendanten Georg Heckel auf der Premierenfeier. Und man darf ihm wohl zustimmen. Was das Haus da auf der nur 16×16 Meter großen Bühne auf die Beine gestellt hat, muss sich hinter keinen großen Stadttheater-Premiere und vielleicht sogar der ein oder anderen Long-Run-Produktion verstecken. Deutlich über 50 Darstellende stehen auf der Bühne: alle drei Sparten, Gäste aus dem Bereich Musical, der (tanzende und schauspielende) Opernchor, die Statisterie sowie ein Kinder-Ensemble. Hinzu kommen wunderbar handgezeichnete Videoproduktionen von Nikolay Schröder, welche beispielsweise das Auto zum Fliegen bringen, Dietlind Konolds zauberhaft verspielte Kostüme und das märchenhafte Bühnenbild von Jule Dohrn-van Rossum. Alles das macht den Abend eben nicht nur fürs Ohr, sondern gerade fürs Auge einfach fabelhaft (Regie und Choreografie: Götz Hellriegel).

Das märchenhafte Stück nach einem Buch von „James Bond“-Erfinder Ian Fleming hält eine spannende Gangster-Geschichte bereit: Das an sich schon besondere Auto, eben „Tschitti“, weckt das Interesse des Barons Bomburst von Vulgarien, der es von zwei Gangstern seinem Besitzer klauen lassen will. Der Baron, der doch nur spielen will, ist ein furchtbarer Diktator, der zudem eine Ehefrau hat, die alle Kinder hasst. Daher gibt es in Vulgarien auch keine Kinder mehr. Oder besser: Sie leben heimlich in der Kanalisation. Im Laufe der Geschichte, wenn der Erfinder und Besitzer des Wagens Caractacus Potts mit seinen Kindern unterwegs ist, stellt sich dann heraus, dass „Tschitti“ auch noch schwimmen und fliegen kann. Die chaotischen Ereignisse nehmen ihren Lauf, als zuerst Großvater Potts und schließlich auch noch die beiden Kleinen entführt werden. Was das Ganze mit einer Spielzeugmacherin und musikalischen Süßigkeiten zu tun hat und warum am Ende alles gut wird, sollte wohl jeder selbst herausfinden.

Warmherzig führt Benjamin Sommerfeld als Caractacus das Ensemble an. Die siebenwöchige Probenzeit war eng getimt, denn der in der Rolle alleinerziehende Vater hat gleich drei Kinderpaare an die Seite bekommen. Zunächst war man gar nicht sicher, ob man geeignete Nachwuchsdarsteller finden würde, denn die Parts sind riesig und der Anspruch vor allem an den Gesang hoch. Gerade der Titelsong, der immer wieder erklingt, hat es musikalisch in sich. Und doch hat es geklappt. Am Premierenabend verkörpern Julie Löwen und Fatima Mhanna die beiden Kleinen. Kurz: Sie haben mehr Potenzial, als man es gerade sonst auf professionellen Bühnen im Land sieht! Sommerfeld spielt den liebevollen Vater auf den Punkt: stets positiv, leicht naiv und mit einem immer passenden komischen Timing. Sein wohlgeführter Tenor macht seine Songs zudem zu gern gehörten Melodien, die im Ohr bleiben. Johanna Spantzel wird als Truly Scrumptious im Laufe des Abends Caractacus’ Freundin. Beide harmonieren wunderbar, und auch ihr Zusammenspiel mit den Kindern lässt keine Wünsche offen. Man spürt ohnehin den ganzen Abend, dass alle Beteiligten wissen, welch wahnsinnigen Zauber sie gerade auf die Bühne bringen.

Furchtbar fies und im schlechtesten Sinne unangenehm zeigen Randy Diamond und Lotte Kortenhaus den Baron und die Baronin. Gemeinsam machen sie trotz des ganzen Spaßes deutlich, warum diese Welt keine herrischen Diktatoren braucht. Die beiden wirklich dummen Gangster sind Heiner Junghans und Michael Schäfer. Sie agieren stets gemeinsam auf der Bühne und spielen jeden Gag genüsslich aus. Die erste Reihe vervollständigen Andreas Jören als Großvater Potts, Brigitta Bauma als Kinderfänger und Kerstin Klinder als Spielzeugmacherin. Sie alle ernten samt allen Gewerken des Hauses minutenlange Standing Ovations.

Der musikalische Leiter Mathias Mönius hat eine eigene Fassung für das Landestheater Detmold geschrieben, die satt aus dem Orchestergraben klingt. Insgesamt ist der Ton erfreulich, wurde doch bis zur letzten Minute dran gearbeitet, dem Publikum rundherum ein gelungenes Gesamterlebnis zu liefern. Wie im Märchen!


Musikalische Leitung: Mathias Mönius • Regie und Choreografie: Götz Hellriegel • Bühne: Jule Dohrn-van Rossum • Kostüme: Dietlind Konold • Licht: Carsten Lenauer • Video: Nikolay Schröder • Chor: Francesco Damiani • Mit: Benjamin Sommerfeld (Caractacus Potts), Johanna Spantzel (Truly Scrumptious), Andreas Jören (Großvater Potts), Randy Diamond (Baron Bomburst/Lord Scrumptious), Lotte Kortenhaus (Baronin Bomburst/ Mrs Philips), Brigitte Bauma (Der Kinderfänger/Schrotthändler), Kerstin Klinder (Die Spielzeugmacherin/Billie Coggins), Julie Löwen (Jeremy Potts), Fatima Mhanna (Jemima Potts), Heiner Junghans (Boris), Michael Schäfer (Goran), Zenon Kielemoniuk (Sidney), Annette Blazyczek (Violet), Torsten Lück (Truthahnzüchter) • Opernchor, Ballett und Symphonisches Orchester des Landestheaters Detmold

Aufmacherfoto: Jochen Quast

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