Jamie HP1 177 | MUSICAL TODAY

Alle reden nur noch von Jamie

Jamie meint Dich!

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oRT
Oper Dortmund
von
Dan Gillespie Sells (Musik)
Tom MacRae (Buch und Liedtexte)
Werner Sobotka (Mitarbeit: Niklas Doddo) (Deutsche Fassung)
Regie
Alexander Becker
Uraufführung
2017

„Alle reden nur noch von Jamie“ lebt Diversität und beeindruckt durch die Frische junger Talente

Als Partizipationsprojekt seiner Jungen Oper zeigt das Theater Dortmund aktuell die deutsche Erstaufführung der Coming-of-Age-Geschichte „Alle reden nur noch von Jamie“. In der figurenzentrierten Regie von Alexander Becker arbeiten Mitglieder des hauseigenen Spielclubs „OpernYoungsters“ mit gecasteten Schülern des Märkischen Gymnasiums Iserlohn sowie den Bühnenprofis Marja Hennicke und Hannes Brock zusammen. Waschechte Dragqueens des „House of Blænk“ komplettieren die bunt gemischte Cast. Die Nachwuchstalente agieren, von Profis angeleitet und in Szene gesetzt, durchweg darstellerisch und gesanglich beeindruckend, zugleich professionell und natürlich!

Das Farbkonzept der Kostüme von Nina Albrecht-Paffendorf sowie des weitgehend reduzierten Bühnenbildes von Annika Haller erzählt vom Schwarz-Weiß-Denken der Gesellschaft, in der sich Jamie mit seinem Traum von einer Drag-Karriere outet: Ablehnung ist Jamie durch seinen Vater, seine Lehrerin Miss Hedge und seine Mitschüler leider nur allzu vertraut. Es ist kein Geheimnis, dass er queer ist. Jamie erfährt von nur wenigen Menschen Rückhalt – dafür allerdings bedingungslos: Seine beste Freundin Pritti, seine Mutter Margaret und deren Freundin Ray ermutigen ihn zu seinem Drag-Debüt im Nachtclub „Legs Eleven“. Hugo, ehemaliger Star der Drag-Szene, weist Jamie mit väterlichem Rat den Weg.

Die Choreografien von Jutta Maas und Thomas Kolczewski zeugen in klar geführter Aufstellung von jugendlicher Energie. Jamie gerät zunächst wie zufällig aus der Außenseiterposition durch eigene Soli in das Zentrum der Aufmerksamkeit. Als das Ensemble die vierte Wand durchbricht und sich die erste Zuschauerreihe erobert, ist er nicht einmal anwesend, aber: „Alle reden nur noch von Jamie“. Dieses Bild verdeutlicht, wie inspirierend und ermutigend Jamies Geschichte sein kann, um ebenfalls aus der Reihe zu tanzen.

Dominik Kulczyński zeichnet in seinem Bühnendebüt Jamies Entwicklung facettenreich: zunächst treffend unsicher, dann mit zunehmender Präsenz und wachsender Flamboyance. Mit klar geführtem Timbre berührt Kulczyński in Soli und Duetten („Die Wand in mir drin“, „Mein Mann, mein Kind“). Natürlich und authentisch schlägt er eine emotionale Brücke zum Publikum. Jamies Gefühlslage können viele nachvollziehen, die selbst neue Wege gehen mussten, um ein erfülltes Leben führen zu können – ob queer oder nicht.

Heimlicher Star des Abends ist Lilly Sophie Kastner als Pritti. Mit ihrer gefühlvollen Interpretation der Ballade „Es heißt wundervoll“ schafft sie intime Momente und sorgt für den größten Showstopper des Premierenabends. Die mutige Interpretation der Rolle als blinde Darstellerin muss der jungen Frau erstmal jemand nachmachen! Klug und authentisch sticht Kastners Pritti vor allem auch durch Charakterstärke hervor. Sie und Kulczyński harmonieren ausgesprochen gut miteinander.

Wie das Konzept es vorsieht, bereichern die Profis Marja Hennicke und Hannes Brock sowie die Dragqueens des „House of Blænk“ die Inszenierung, ohne jedoch die Nachwuchstalente zu überstrahlen. Carlos Vázquez führt die 13-köpfige Band, die sich aus Mitgliedern der „YoungSymphonics“ – einem weiteren Spielclub der Oper Dortmund – zusammensetzt, durch die Partitur von Dan Gillespie Sells. Die Musiker machen ordentlich Druck bei den eingängigen Popnummern und begleiten die Solisten durch gefühlvolle Balladen. Zu Beginn beider Akte geht jedoch der Chorgesang etwas unter, wodurch das Textverständnis leidet.

„Alle reden nur noch von Jamie“ zeigt Unsicherheiten und Fragen der Gesellschaft auf, das Musical schafft ein klares Plädoyer für gelebten Mut und Toleranz. Inklusion und LGBTQIA+ meinen alle Menschen. Die gelungene Inszenierung lebt diesen Gedanken überzeugend vor – und lässt völlig vergessen, dass hier so viele Nachwuchstalente auf der Bühne stehen.


Musikalische Leitung: Carlos Vázquez • Regie: Alexander Becker • Choreografie: Jutta Maas und Thomas Kolczewski • Bühne: Annika Haller • Kostüme: Nina Albrecht-Paffendorf • Videodesign: Dustin Krüger • Licht: Florian Franzen • Sounddesign: Gertfried Lammersdorf • Dramaturgie: Dany Handschuh • Mit: Dominik Kulczyński (Jamie New), Lilly Sophie Kastner (Pritti Pasha), Cecilia Siebers (Miss Hedge), Marja Hennicke (Margaret New), Freddy Kutz (Ray), Hannes Brock (Hugo/Loco Chanelle), Jacob Ambrosius (Dean Paxton), Selma Kirketerp (Becca), Jule Giesenkirchen (Bex), Lina Fischer (Fatima), Leonie Hagen (Vicki), Takumi Ebmeyer (Cy), Ben Ossenkop (Sayid), Robert Tiemann (Levi), Wolf Chapel (Mickey), House of Blænk, Lennart Pannek (Drags), Martin Lasche (Jamies Dad), Dominik Bendixen (John) • Mitglieder der OpernYoungsters, Schüler*innen des Märkischen Gymnasiums Iserlohn • Projekt-Band (Mitglieder der YoungSymphonics)

Aufmacherfoto: Björn Hickmann

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