{"id":8048,"date":"2024-09-29T07:00:00","date_gmt":"2024-09-29T05:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.musical-today.de\/?p=8048"},"modified":"2025-04-15T14:28:19","modified_gmt":"2025-04-15T12:28:19","slug":"hommage-udo-juergens-helden-helden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.musical-today.de\/en\/hommage-udo-juergens-helden-helden\/","title":{"rendered":"Helden, Helden"},"content":{"rendered":"<p><strong><em><em>\u201eHelden, Helden\u201c ist das einzige \u201erichtige\u201c Musical aus der Feder von Udo J\u00fcrgens. Dass es heute weitgehend vergessen ist, liegt vielleicht auch daran, dass es gar kein Musical ist<\/em><\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>In diesem Jahr w\u00e4re der \u00f6sterreichische S\u00e4nger und Komponist Udo J\u00fcrgens 90 Jahre alt geworden. Wer im Zusammenhang mit seinem Namen den Begriff \u201eMusical\u201c in einer bekannten Internet-Suchmaschine eingibt, st\u00f6\u00dft erwartungsgem\u00e4\u00df auf das 2007 in Hamburg uraufgef\u00fchrte \u201eIch war noch niemals in New York\u201c, das bis heute in Deutschland, \u00d6sterreich, der Schweiz und sogar in Japan (ja wirklich!) gro\u00dfe Erfolge verzeichnet. Mehr als vier Millionen Besucher haben dieses St\u00fcck mit Hits von Udo J\u00fcrgens gesehen, es wurde vielfach ausgezeichnet und erhielt Bestnoten von Besuchern und Kritikern. Seinem ersten, heute weitgehend unbekannten Musical war das leider nicht verg\u00f6nnt: Unter dem Titel \u201eHelden, Helden\u201c wurde 1972 eine Satire gegen Krieg und Heldentum am Theater an der Wien aus der Taufe gehoben \u2013 die aufgrund mehrerer ungl\u00fccklicher Umst\u00e4nde recht schnell wieder in den Schubladen des Verlags verschwand.<\/p>\n\n\n\n<p>An der \u00f6ffentlichen Wahrnehmung lag das sicher nicht, eher im Gegenteil: Allerlei Prominenz erschien am 27. Oktober 1972 zur \u201eGalapremiere anl\u00e4sslich des Kinderhilfswerks der Vereinten Nationen\u201c \u2013 sogar der \u00f6sterreichische Bundespr\u00e4sident. Udo J\u00fcrgens hatte gerade eine erfolgreiche Mammut-Welttournee hinter sich gebracht, der Publikumszuspruch war erwartungsgem\u00e4\u00df gro\u00df. Und so fanden bis Oktober 1973 stolze 130 Auff\u00fchrungen von \u201eHelden, Helden\u201c statt \u2013 \u00fcbrigens fast so viele wie von der Erfolgsproduktion \u201eMy Fair Lady\u201c drei Jahre zuvor. Parallel erlebte das St\u00fcck am 23. Februar 1973 seine Deutschlandpremiere im Operettenhaus Hamburg, im Oktober 1973 zog das Stadttheater Luzern nach. Auch in der DDR wurde es ab Oktober 1975 in der Musikalischen Kom\u00f6die Leipzig aufgef\u00fchrt, 1978 dann im Theater Stralsund.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Ein Anti-Kriegs-St\u00fcck mit 19 Songs<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das Musical in zwei Akten basiert auf dem Schauspiel \u201eArms and The Man\u201c (\u201eHelden\u201c) des irisch-englischen Dramatikers George Bernard Shaw aus dem Jahr 1894. Die Handlung \u2013 und in Anlehnung daran das folkloristisch-gef\u00e4rbte musikalische Thema \u2013 spielt im Balkan, in einer kleinen bulgarischen Stadt. Es herrscht Krieg zwischen Bulgaren und Serben. Raina wartet mit Mutter Katharina auf die R\u00fcckkehr ihres Verlobten, des siegreichen, bulgarischen Kavalleriemajors Sergius Saranoff \u2013 ein \u201ewahrer Held\u201c in den Augen seiner Braut. Zuf\u00e4llig flieht ein Offizier der besiegten Serben in Rainas Heimatort und versteckt sich in deren Schlafzimmer. Sie hat Mitleid mit ihm und er erz\u00e4hlt ihr, dass lediglich ein Zufall den Verlobten zum Triumph f\u00fchrte: Die eigenen Kanonen hatten wegen eines Fehlers beim Nachschub keine funktionierende Munition mehr. Nur so \u00fcberlebten Sergius und sein Regiment die wahnwitzige Attacke. Der Fl\u00fcchtende selbst stellt sich Raina als Schweizer Hauptmann Bluntschli vor, S\u00f6ldner der serbischen Armee. Aus seiner Abneigung gegen den Krieg als solchem macht er keinen Hehl und entzaubert mehr und mehr das soldatische Heldentum. Raina versorgt ihn und gibt ihm f\u00fcr seine Heimreise eine Jacke mit auf den Weg. Nach Ende des Krieges kommt Bluntschli noch einmal in den Ort, um diese zur\u00fcckzugeben. Raina sp\u00fcrt jetzt, dass sie sich mehr zu ihm hingezogen f\u00fchlt als zu ihrem (nun) Ehemann Sergius, und die beiden finden zusammen. Sergius wird parallel dazu gl\u00fccklich mit Magd Louka: eine Win-Win-Situation also \u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Insgesamt besteht \u201eHelden, Helden\u201c aus 19 Songs und sowohl die Wiener als auch die Hamburger Produktion erschienen damals auf Schallplatte. Nicht alle Titel hat Udo J\u00fcrgens speziell f\u00fcr das Musical komponiert: Zwei wurden bereits 1966 von der Operns\u00e4ngerin Anneliese Rothenberger mit anderem Text aufgenommen. Das Lied \u201eSo wie die Sonne f\u00fcr alle scheint\u201c wurde zu \u201eWenn ich die Zarin von Russland w\u00e4r\u201c und \u201eWie sch\u00f6n ist diese Welt\u201c hei\u00dft im Musical \u201eWie nennt man das Gef\u00fchl\u201c. Letzteres muss J\u00fcrgens besonders gut gefallen haben, denn er hat es 1972 selbst eingesungen und auf seinem Album \u201eIch bin wieder da\u201c ver\u00f6ffentlicht. Auf der gleichen Platte erschien auch \u201eDaheim\u201c, beide Melodien wurden auf einer Promotion Single im Vorfeld der Musicalpremiere auch als Instrumentalversionen ver\u00f6ffentlicht.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Seltsame \u201eErfolgs-Pleite\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Der damalige Direktor des Theaters an der Wien, Rolf Kutschera, galt als Musicalpionier. Er wollte unbedingt eine erfolgreiche, deutschsprachige Eigenproduktion auf die B\u00fchne bringen, die es mit den amerikanischen Musicals dieser Zeit aufnehmen konnte. Bereits 1968 \u00fcbernahm er deshalb von Kinoproduzent Peter Goldbaum den Stoff von \u201eHelden\u201c und plante, aus dem gleichnamigen Filmerfolg mit O. W. Fischer eine B\u00fchnenfassung zu machen. Er besorgte sich die Rechte von George Bernard Shaws Erben und wollte Udo J\u00fcrgens als Komponisten gewinnen, dessen Karriere zwei Jahre nach dem Gewinn des Grand Prix Eurovision de la Chanson 1966 von Erfolg zu Erfolg eilte. Der Coup gelang, denn f\u00fcr J\u00fcrgens kam die Anfrage wohl genau zum richtigen Zeitpunkt. Er spielte damals selbst mit dem Gedanken, sich im Musical auszuprobieren. Kutschera engagierte den Schweizer Hans Gm\u00fcr (Buch) und die Liedtexter Eckart Hachfeld und Walter Brandin, als Arrangeure verpflichtete man Andr\u00e1s B\u00e1gya und Karl Kowarik vom Orchester des Theaters an der Wien. Die musikalische Leitung lag bei Johannes Fehring und Robert Opratko.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach einer anscheinend hektischen Probenzeit fand die Premiere vier Jahre sp\u00e4ter statt, neben der Musik von Udo J\u00fcrgens feierte die Wiener Presse vor allem Hauptdarsteller Michael Heltau in der Rolle des Bluntschli. Der stand schon fr\u00fch fest, aber auch der bekannte Publikumsliebling Peter Alexander war im Gespr\u00e4ch \u2013 ein weiteres Signal daf\u00fcr, wie \u201egro\u00df\u201c man plante. Weitere Mitglieder der Wiener Besetzung waren u.a. die Operns\u00e4ngerin Irmgard Seefried als Katharina, Gabriele Jacoby (Raina), Julia Migenes (Louka) und Ossy Kolmann sowie alternierend Kurt Sobotka (Nicola). Sp\u00e4ter in der Hamburger Produktion verk\u00f6rperte Paul Hubschmid den Bluntschli, Marianne Schubart war Katharina, Gabriele Jacoby erneut die Raina und Julia Migenes die Magd Louka. Die Hamburger Inszenierung \u00fcbernahm Karl Vibach, musikalischer Leiter war dort Fritz Giesler.<\/p>\n\n\n\n<p>Insgesamt war die Kritik f\u00fcr \u201eHelden, Helden\u201c eher negativ, mit der folkloristischen, operettenklischeeartigen Komposition konnte man Anfang der 1970er Jahre so gar nichts anfangen. Der SPIEGEL schrieb von einer \u201eseichten Balkankom\u00f6die\u201c und von \u201eUdos Allerweltsmusik\u201c, die ZEIT (\u201eWolf im Shaw-Pelz\u201c) von Balkanfolklore, forscher Zirkusmusik und \u201eOperetten Ohnsorg\u201c. Udo J\u00fcrgens konnte diese heftige Kritik nicht unbeeindruckt lassen, ihn d\u00fcrfte der Publikumszuspruch daher umso mehr gefreut haben. In seiner Autobiografie \u201eSmoking und Blue Jeans\u201c beschreibt er Anfang der 1980er Jahre, wie er noch fast ein Jahrzehnt sp\u00e4ter mit mulmigem Gef\u00fchl daran zur\u00fcckdenkt, in Wien \u201eeinen Riesenerfolg und eine Niederlage zugleich\u201c erlebt zu haben. Man habe wohl eher \u201erockige, rauschhafte Kompositionen\u201c erwartet, wie sie Andrew Lloyd Webber f\u00fcr \u201eJesus Christ Superstar\u201c ablieferte, oder \u2013 im Sinne des Zeitgeistes \u2013 etwas \u00e0 la \u201eHair\u201c, konstatiert er. Und: \u201eman h\u00e4tte wohl besser davon gesprochen, eine Operette zu komponieren\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Gut m\u00f6glich, dass er mit dieser Aussage den Kern dieser seltsamen \u201eErfolgsPleite\u201c getroffen hat. Denn vor allem im Hinblick auf musikalische Stilmittel und Besetzung ist \u201eHelden, Helden\u201c dem Genre Operette weitaus n\u00e4her als der Gattung Musical \u2013 entsprechend verquer deshalb wohl auch die Reaktionen auf das Ergebnis. Denkbar w\u00e4re aber auch ganz banal, dass man direkt nach der gro\u00dfen Tournee \u201eUdo 70\u201c der Person Udo J\u00fcrgens medial \u201e\u00fcberdr\u00fcssig\u201c war. Denn wie sonst kann man sich den (\u00fcbertriebenen) Hohn der 150 anwesenden Premierenjournalisten erkl\u00e4ren, die den \u00f6sterreichischen Bundespr\u00e4sidenten ziemlich piet\u00e4tlos und \u00f6ffentlich zum \u201eMarketing-Gag\u201c degradierten?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\"><em>(Redaktionelle Bearbeitung: Iris Steiner)<\/em><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity is-style-dots\"\/>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">Aufmacherfoto: brandstaetter images\/Votava\/S\u00fcddeutsche Zeitung Photo<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Dieser Artikel ist eine Leseprobe aus unserer <a href=\"http:\/\/www.musical-today.de\/en\/print-archiv\/\" data-type=\"link\" data-id=\"www.musical-today.de\/print-archiv\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer nofollow\">Print-Ausgabe 01\/2024<\/a>.<\/strong><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eHelden, Helden\u201c ist das einzige \u201erichtige\u201c Musical aus der Feder von Udo J\u00fcrgens. 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