Hello, Dolly!

Des Widerspenstigen Zähmung

oRT
Musiktheater im Revier Gelsenkirchen
von
Jerry Herman (Musik)
Michael Stewart (Buch)
Regie
Carsten Kirchmeier
Uraufführung
1964

„Hello, Dolly!“ mit bitterem Beigeschmack

Wenn man sich von den einen immer wieder wie magisch anziehenden, ultramarinblauen Schwammreliefs des französischen Konzeptkünstlers Yves Klein im Foyer des MiR losgerissen hat, erwartet einen mit Jürgen Kirners Bühnenbild zu „Hello, Dolly!“ die nächste „Überwältigung“: eine überdimensionale, altmodische Registrierkasse, aus der die Protagonisten samt (Opern-)Chor „springen“. Sie symbolisiert den Handlungsort der ersten Szene: Horace Vandergelders Malerbedarf-Laden in Yonkers, einem Vorort von New York, im Jahre 1890.

Der mürrische und geizige Horace hat Heiratsvermittlerin Dolly Levi beauftragt, ihm eine Partnerin zu suchen, die „morgens den Flur putzt und abends die Trepp“. Dolly meint sie in der Hutmacherin Irene Molloy gefunden zu haben, zu der sich Horace aufmacht, um ihr einen Heiratsantrag zu machen. Zufälligerweise landen auch Vandergelders Lehrlinge Cornelius und Barnaby, die die Abwesenheit ihres Chefs zu einem heimlichen Ausflug nach New York nutzen, in ihrem Laden. Und da ist auch noch die reizende Auszubildende Minnie – beste Voraussetzungen für Chaos pur. Dolly bemüht sich um einen „Ersatz“ für Irene und alle landen schließlich in ihrem Stammlokal Harmonia Garden, wo dann auch noch Vandergelders Nichte Ermengarde und ihr Verlobter Ambrose auftauchen. Allmählich wird klar, dass Dolly es eigentlich auf Horace abgesehen hat – und des Widerspenstigen Zähmung beginnt.

Schön, dass sich wieder mal ein renommiertes Theater an eines der fulminantesten Tanz-Musicals wagt, das Jerry Herman (Musik und Gesangstexte) und Michael Stewart (Buch) 1964 zu einem der unverwüstlichen Broadway-Klassiker gemacht hatten. Als Regisseur konnte man erneut das Gelsenkirchener „Gewächs“ Carsten Kirchmeier gewinnen, der mit den eher dem Off-Broadway zuzuschreibenden Musicals „Avenue Q“ und „tick, tick … BOOM!“ gerade erst am MiR Publikum und Kritiker begeisterte.

Mit der Grand Dame des Hauses – Anke Sieloff, die schon in vielen Opern- und Musical-Hauptrollen brillierte – steht Kirchmeier die Idealbesetzung für die Titelrolle zur Verfügung. Die charismatische Darstellerin trifft gesanglich und schauspielerisch immer den richtigen Ton und versteht es auch, sich tänzerisch kongenial ins Ensemble zu integrieren. Dirk Weiler als Horace kann da nicht ganz mithalten, kompensiert sein bisweilen hölzernes Spiel aber mit seiner angenehmen Singstimme.

Leider bietet die Inszenierung den Nebenfiguren wenig Raum zur Entfaltung, sodass Sebastian Schiller und Nicolai Schwab als Vandergelders ausgebeutete Angestellte Cornelius und Barnaby das Komikpotenzial ihrer Rollen nicht wirklich umsetzen können. Julia Heiser kann ihrer Irene Molloy schon mehr Profil verleihen, auch wenn sie von Beata Kornatowska in ein unvorteilhaftes „Zirkuskostüm“ gesteckt wurde. Sonja Hebestadt (Minnie) trägt dazu mit entwaffnendem Selbstbewusstsein ihre Naivität zur Schau. Alina J. Simon (Ermengarde) und Jonathan Guth (Ambrose) wirken dagegen wie Fremdkörper in dieser Inszenierung, weil die Regie sie völlig allein lässt und sie auch nicht typengerecht besetzt wurden.

Während diese kleinen Unebenheiten durch die fulminante Umsetzung von Jerry Hermans schwungvollen Kompositionen durch die Neue Philharmonie Westfalen (Leitung: Peter Kattermann) überdeckt werden, kann man das größte – und unverständliche – Manko dieser Inszenierung nicht übersehen: Dem renommierten Choreografen Paul Kribbe gestand man nur ein zwölffüßiges Tanz-Ensemble zu, was dessen gewohnten Einfallsreichtum völlig ausbremst und das Musical letztlich seiner Seele beraubt. Denn „Hello, Dolly!“ ist vor allem eins: Tanz, Tempo, Rhythmus, Timing und Perfektion. So aber geht zum Finale im „Harmonia Garden“ nicht die (Kellner-)„Post“ ab, sondern findet lediglich eine unterhaltsame Boulevardkomödie mit hübschen – dankenswerterweise im englischen Original belassenen – Songs ihr vierfaches Happy End.


Musikalische Leitung: Peter Kattermann • Choreografie: Paul Kribbe • Bühne: Jürgen Kirner • Kostüme: Beata Kornatowska • Chor: Alexander Eberle • Licht: Thomas Ratzinger • Ton: Jan Wittkowski • Mit: Anke Sieloff (Dolly Gallagher Levi), Dirk Weiler (Horace Vandergelder), Sebastian Schiller (Cornelius Hackl), Nicolai Schwab (Barnaby Tucker), Julia Heiser (Irene Molloy), Sonja Hebestadt (Minnie Fay), Alina J. Simon (Ermengarde), Jonathan Guth (Ambrose Kemper), Alfia Kamalova (Ernestina Money), Charles E. J. Moulton (Rudolph), Oliver Aigner (Richter) u.a. • MiR Opernchor • Neue Philharmonie Westfalen

Aufmacherfoto: Pedro Malinowski

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