
„Girl from the North Country“ spürt den Abgründen einer Ära nach
„Irgendwann hat man zu viel gesehen und zu viel gelebt – und das zermürbt.“ Duluth, Minnesota, November 1934: Weltwirtschaftskrise. Alkoholsucht. Missbrauch. Rassismus. Armut. Demenz. Einsamkeit. Und ein dunkles Geheimnis. „The Great Depression“ trifft es auf den Punkt, was „Girl from the North Country“ seinem Publikum abverlangt.
Keine leichte Kost, die der Musical Frühling in Gmunden zur deutschsprachigen Erstaufführung an den Traunsee holt. Entsprechend trostlos auch das Bühnenbild von Regisseur Markus Olzinger: ein Tisch mit zerschlissener Couch und fleckigem Ohrensessel, eine alte Standuhr, vergilbte Blumentapeten, ein abgespieltes Klavier – alles grau-braun, alles geerdet und glanzlos. Die heruntergekommene Pension, in der ein Dutzend menschlicher Tragödien kollidieren, ist so etwas wie das letzte soziale Auffangbecken einer Welt, die weder Erbarmen noch Gewissheiten kennt – und doch steht sie selbst vor der Zwangsversteigerung.
Das 2017 in London uraufgeführte Stück enthält 20 Songs des bahnbrechenden amerikanischen Singer-Songwriters Bob Dylan (*1941). Die daraus erwachsende Aura hat nicht auch nur ansatzweise Jukebox-Charakter, ganz im Gegenteil: Sie ist atmosphärisch dichte Theatermusik, die ein zeitgeschichtliches Panorama ausbreitet. Klassiker wie „Like a Rolling Stone“, „Hurricane“, „Forever Young“ und „Slow Train“ werden von der fünfköpfigen „Musical Frühling Live Band“ (Klavier, Geige, Kontrabass, Gitarre, Schlagzeug/Percussion) um Dirigent Jürgen Goriup mit der für Dylan genau richtigen entspannt-unaufdringlichen und doch zielgerichteten Energie gewürdigt. Simon Hale hat in Sachen Orchestrierung und Arrangements erstklassige Arbeit geleistet.
Das lässt sich generell zwar auch über die deutsche Fassung von Elisabeth Sikora sagen – wenn da nur nicht der entschiedene Einwand wäre, dass gerade die Lyrics von Bob Dylan gar nicht erst angetastet werden sollten. Für seine „poetischen Neuschöpfungen in der großen amerikanischen Songtradition“ erhielt er 2016 als erster Musiker überhaupt den Literatur-Nobelpreis – und wenn diese dann sogar noch wie hier in einen genuin amerikanischen Stoff verwoben werden und mehr Seelen-Striptease als handlungstreibend sind, findet sich kein plausibler Grund für eine Übersetzung (zumal Sikora in den Refrains ohnehin dann doch immer wieder die Brücke zum englischen Original schlägt).
Anders sieht es natürlich mit den Dialogen aus, gerade in einem Stück wie diesem, das man eigentlich besser als „Schauspiel mit Musik“ betiteln sollte. Der vielfach preisgekrönte irische Dramatiker Conor McPherson hat seinen 13 Figuren die Rollen sprichwörtlich auf den Leib geschneidert – jedes Wort, jedes bleierne Schweigen ist psychologisch motiviert und lässt tief blicken. Eine Steilvorlage für Regisseur Markus Olzinger, der Charaktere ohne Zukunftsperspektive auf die Bühne des Gmundner Stadttheaters stellt. Das ist oft erdrückend zu beobachten – und spricht für einen starken Realismus nah am Leben in Zeiten der Krise(n).
Bleibt die Cast, mit der ein Stück wie dieses steht und fällt. Elisabeth Sikora und Markus Olzinger haben für ihren Musical Frühling wieder einmal ein extrem glückliches Händchen bewiesen, jede und jeder Einzelne – vorwiegend im Musical zuhause, teils aber auch im Schauspiel – überzeugt nicht nur in der persönlichen Rolle, sondern fügt sich darüber hinaus auch ins große Ganze ein. „Girl from the North Country“ ist ein Ensemblestück, und gerade die Gruppenszenen beeindrucken am meisten, wenn eine Figur solistisch in den Mittelpunkt rückt und die anderen mit intensiven Background Vocals und Choreos (Amy Share-Kissiov) zum raumfüllenden Chor-Effekt beitragen.
Ein sperriges Werk entwickelt so nach anfänglichem „Fremdeln“ eine ganz eigentümliche Sogwirkung, der man sich trotz einiger Längen kaum entziehen kann – Folk, Blues und Soul, feine Mimik und nachdenklich-poetische Monologe, starke Stimmen und große Schauspielkunst lassen einen irgendwann kaum mehr los.
Musikalische Leitung: Jürgen Goriup • Regie und Bühne: Markus Olzinger • Choreografie: Amy Share-Kissiov • Kostüme: Julia Pschedezki • Maske: Renate Harter • Licht: Ingo Kelp • Videodesign: Jürgen Erbler • Sounddesign: Roland Baumann • Mit: Johannes Zeiler (Nick Laine), Elisabeth Sikora (Elizabeth Laine), Tara Friese (Marianne Laine), Aaron Karl (Gene Laine), Coreena Brown (Mrs. Neilsen), Axel Herrig (Mr. Burke), Tamara Pascual (Mrs. Burke), Marcel-Philip Kraml (Elias Burke), Carlos de Vries (Joe Scott), Konstantin Zander (Reverend Marlowe), Previn Moore (Mr. Perry), Paul Matic (Dr. Walker), Michaela Thurner (Katherine (Kate) Draper) • Musical Frühling Live Band
Aufmacherfoto: Rudi Gigler




