
Die jüngste Auflage der Hagener Rock Show hat Kultpotenzial
Musicals sind diese Abende nicht, aber sie haben als eine Art Revue aus großen Hits der Musikgeschichte ein Alleinstellungsmerkmal – denn anstatt sie bemüht als Jukebox-Musical in eine Rahmenhandlung zu zwängen, reihte das Theater Hagen erstmals vor einigen Jahren einfach eine Hymne an die nächste. Mittlerweile ist aus der „Rock Show“ selbst eine eigene Reihe und ein absoluter Hit geworden. Die neueste Auflage hat das Zeug dazu, die bislang erfolgreichste zu werden.
Dazu tragen verschiedene Faktoren bei. Immer wieder waren diese Abende auch politisch, aber ausgerechnet jetzt, da die Krisen und Kriege in der Welt überhandnehmen, liefert Regisseur Søren Schuhmacher einfach zweieinhalb Stunden Eskapismus, eine reine Feelgood-Show. Die hat aber wie immer ein Thema, an dem sie sich orientiert. Diesmal ist es der titelgebende „Soultrain“, ein Klassiker des amerikanischen Musikfernsehens, der dort 36 Jahre über die Bildschirme flimmerte. Entsprechend ist der sehr lose rote Faden eine Zugreise samt Aufenthalt im Bahnhof, ungeplantem Zwischenstopp und Ankunft. Doch weniger denn je ist es nötig, das Konzept nachzuvollziehen, um einfach nur Spaß zu haben.
Der ist vor allem dem zu zwei Dritteln neuen Trio der Frontakteure zu verdanken. Vanessa Henning ist als einzige seit der ersten Show noch immer an Bord. Die Hagener Lokalgröße kann alle Facetten ihrer Stimme und ihrer Bühnenpräsenz zeigen – mehr, als es ihr als Tribute-Artist möglich sein dürfte, als die sie seit vielen Jahren mit den Hits der US-Sängerin P!nk tourt. Dass sie sich auch nicht hinter Whitney Houston zu verstecken braucht, zeigt der erste große Applaus des Abends, den das Premierenpublikum dem Energiebündel schenkt.
Neu im Team sind Robin Reitsma und Daniel Ferrer, und das Hagener Theater hätte keine besseren finden können. Der 1992 geborene Niederländer Reitsma, 2021 ein Darsteller in Jan Böhmermanns Kurz-Musical „Der Eierwurf von Halle“, singt nicht nur, er spielt dabei stets eine Rolle – jedes Solo gerät zu einem Ausschnitt aus einem Musical, das es eigentlich nicht gibt. Vor allem schafft er es, ohne sichtbare Anstrengung ungeheuren Druck in seiner Stimme aufzubauen.
Daniel Ferrer dagegen ist Soulsänger aus Berlin; er schied vor zehn Jahren rasch bei „The Voice of Germany“ aus, Hagen dagegen liegt dem Mann zu Füßen. Seinem Vorgänger Patrick Sühl ist der soulige Bariton insofern ein würdiger Nachfolger, als auch er zwischendurch zeigen darf, dass er an der E-Gitarre ganz andere Saiten anschlagen kann.
Hinzu kommen neben einigen Statisten drei tanzende Backgroundsängerinnen, die fast durchgängig in Aktion sind, sowie drei weitere Tänzer und die Band rund um den musikalischen Leiter Andres Reukauf, die grundsätzlich Teil des Bühnengeschehens ist und sich nie im Orchestergraben verstecken muss. Sie darf auch bei zwei instrumentalen Funk-Klassikern („Pick up the Pieces“ und „The Chicken“) einmal ganz allein im Zentrum des Interesses stehen.
Gemein sind allen Beteiligten vor allem die Freude und der Spaß an der Show, am Miteinander auf der Bühne, wodurch der Funke von Beginn an aufs Publikum überspringt. Auch wenn die Drehbühne tatsächlich einmal eine Auszeit bekommt, so werden doch immer wieder andere Möglichkeiten der Bühnentechnik ausgelotet – einmal wird Vanessa Henning sogar in einem Arbeitskorb von einem Kran aus dem Orchestergraben auf Augenhöhe mit den Rängen gehoben. Eigentlicher Höhepunkt ist aber die Idee, das ganze Ensemble zu Michael Jacksons „Man in the Mirror“ spiegelbildlich auf zwei Seiten eines Gazevorhangs agieren zu lassen.
Musikalische Leitung: Andres Reukauf • Regie: Søren Schuhmacher • Choreografie: Nicole Eckenigk • Bühne: Norbert Bellen • Kostüme: Anja Müller • Licht: Hans-Joachim Köster und Martin Gehrke • Sounddesign: Michael Danielak • Dramaturgie: Thomas Rufin • Vocals: Vanessa Henning, Daniel Ferrer und Robin Reitsma • Backing-Gesang: Neele Pettig, Elizabeth Pilon und Carolin Rossow • Moverinnen und Mover: Riccardo Maria Detogni, Noemi Emanuela Martone und Cheng-Yang Peng • Rock Show Band: Andres Reukauf (Keyboards), Arjuna de Souza (Gitarre), Matthias Jahner/Andreas Laux (Reeds), Axel Riesenweber (Trompete), Jörn Brackelsberg (Bass), Volker Reichling (Drums)
Aufmacherfoto: Jörg Landsberg




