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Zurück in die Zukunft – Das Musical

Nostalgisches Zeitreise-Spektakel

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Stage Entertainment (Stage Operettenhaus)
von
Alan Silvestri und Glen Ballard (Musik und Liedtexte)
Bob Gale (Buch)
Regie
John Rando
UraufführunG
2020

„Zurück in die Zukunft“ feiert deutsche Erstaufführung

War früher wirklich alles besser? Nein, natürlich nicht. Aber ganz so leicht scheint es heute wirklich nicht mehr, knackige populäre Titel zu finden, mit denen sich die auf kommerzielle Long Runs spezialisierten Theater achtmal pro Woche füllen lassen. Eines der Zauberworte heißt da Nostalgie – das wohlige Gefühl, das uns in unsere Kindheit und Jugend zurückversetzt. Als man einen Film wie „Zurück in die Zukunft“ mit Freunden im Kino sah. Als man gemeinsam mit den Eltern einen gemütlichen Fernseh-Abend verbrachte. Und als man zum ersten Mal über die PS-starke Zeitmaschine staunte, mit Marty McFly mitfieberte und sich über den skurrilen Doc amüsierte. 

Im Gegensatz zu zahlreichen anderen Film-Adaptionen kann „Zurück in die Zukunft – Das Musical“ vor allem zwei Trumpfkarten ausspielen. An vorderster Stelle Komponist Alan Silvestri, der gemeinsam mit Glen Ballard neue Songs beisteuerte, aber natürlich auch Themen aus seinem berühmten Soundtrack recycelte, die einen umgehend in die 1980er zurückbeamen. Und dann ist da noch Drehbuchautor Bob Gale, der sein für den Oscar und den Golden Globe nominiertes Skript höchstpersönlich für die Bühne neu aufbereitete.

Wie bereits im West End und am Broadway ist der Star der Show in Hamburg ein weiteres Mal das Auto: der kultige DeLorean, dessen Auftritte bereits während der Vorstellung mehrfach begeisterten Szenenapplaus ernten. Mit einem perfekten Mix aus Licht, Video und technischen Bühnentricks sind die Zeitreisen ein echter Hingucker. Ebenso wie das mit filmisch anmutenden Schnitten und Überblendungen inszenierte Finale, bei dem das Tempo auf der Zielgeraden nochmal ordentlich anzieht.

Am besten funktioniert die Show ironischerweise aber trotzdem meist gerade dann, wenn Bob Gale und Regisseur John Rando das erwartbare Nachstellen ikonischer Film-Szenen hinter sich lassen und zeigen, dass sie sich sehr wohl auch im Genre Musical auskennen. Wenn etwa Marty und Doc Brown selbst irritiert auf die Background-Tänzerinnen schauen, die plötzlich aus dem Nichts auftauchen. „Keine Ahnung, wer die sind. Aber sie sind immer da, wenn ich zu singen anfange.“ Da bekommt das Nostalgie-Fest plötzlich eine clevere ironische Brechung, die dem Abend überaus gut zu Gesicht steht. Und natürlich gehen die Lacher auch sonst meist aufs Konto von Jan Kersjes, der als schrulliger Doc ein Slapstick-Feuerwerk der Extraklasse abfeiert, ohne dabei Film-Vorbild Christopher Lloyd kopieren zu müssen. Wer einst an seinem denkwürdigen Kurzauftritt als King George in „Hamilton“ Spaß hatte, darf sich daher umso mehr freuen, den Vollblut-Komödianten Kersjes nun in abendfüllender Länge zu erleben.

Raphael Groß bedient als Marty McFly dagegen wieder einmal den Typ des zart besaiteten Traum-Schwiegersohns. Gerade beim treuherzigen Augenaufschlag scheinen da tatsächlich die Gene seines liebenswerten, aber eben auch etwas unbeholfenen Bühnenvaters (Terence van der Loo) durchzuschlagen. Den rebellischen Rocker nimmt man ihm da nur bedingt ab. Groß ist zwar bei den schmusigen Balladen bestens aufgehoben, aber spätestens, wenn zum Finale nochmal „The Power of Love“ aufgefahren wird, muss er sich dann doch Hope Maine geschlagen geben. Als Gordy bzw. Marvin Berry darf der nach seinem Showstopper im ersten Akt hier nämlich nochmal so richtig auspacken. Maine räumt dafür beim Schlussapplaus ähnlich ab wie Sandra Leitner, die als Martys Mutter Lorraine reichlich Gelegenheit bekommt, ihre humorvolle Seite auszuspielen.

Zwischen all den großen Disney- und Jukebox-Shows ist es schön, zur Abwechslung mal wieder eine Musical-Großproduktion zu sehen, für die – mit Ausnahme der berühmten Film-Songs – tatsächlich überwiegend neue Musik geschrieben wurde. Aber trotzdem ist auch diese Show eher ein Blick zurück als ein nachhaltiger Plan für die Zukunft des Genres. Der Nostalgiefaktor wärmt das Herz, die Schauwerte überzeugen. Aber langsam ist die Zeit doch irgendwie reif für neue Ideen.


Music Supervision: Nick Finlow • Musikalische Leitung: Philipp Gras • Regie: John Rando • Choreografie: Chris Bailey • Ausstattung: Tim Hatley • Licht: Tim Lutkin und Hugh Vanstone • Videodesign: Finn Ross • Illusionen: Chris Fisher • Visual Special Effects: The Twin FX • Sounddesign: Gareth Owen • Mit: Raphael Groß (Marty McFly), Jan Kersjes (Doc Brown), Sandra Leitner (Lorraine Baines), Terence van der Loo (George McFly), Florian Sigmund (Biff Tannen), Hope Maine (Goldie Wilson/Marvin Berry), Siegmar Tonk (Strickland), Sonya Lachmann (Jennifer Parker), Julia Fechter (Clocktower Woman), Michiel Janssens (Dave McFly), Teresa Krall (Linda McFly) u.a. • Band des Stage Operettenhauses

Aufmacherfoto: Johan Persson

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