Kasimir und Karoline

Wenn nur die Welt nicht wär’ …

Ort
Staatsoper Hannover
VON
Jherek Bischoff (Musik)
Martin G. Berger & Martin Mutschler (Buch)
Regie
Martin G. Berger
Uraufführung
2023

Poetisch-expressive Vertonung von Horváths „Kasimir und Karoline“

Aus Ödön von Horváths Schauspiel von 1932 wird in Hannover ein Spiegel unserer Zeit. Die Koordinaten sind heute ähnlich: Wirtschaftskrise, Arbeitslosigkeit, sinnloses „Party-Machen“, sexuelle Ausschweifungen – die „Tagesthemen“ sind voll davon. Hält da die Liebe stand? Drew Sarich stellt als Juanita schillernd-provozierend diese Frage und führt als „Hüterin der Nacht“ durch eine betäubende Vergnügungsnacht: Disco und Vergessen im Rausch. Draußen fliegt der Zeppelin vorbei, er wird zur Metapher für das Schweben in eine bessere Zukunft und zum großen Opening mit Chor und Solisten. Der Absturz ist ihm bestimmt.

Horváth beobachtete die Menschen von damals mit kritischem Blick, das Stück zeigt Menschen von heute. Kasimir ist arbeitslos, es droht die Abschiebung und keine Zukunft mit Karoline, obwohl er sie liebt. „Die reine Liebe: Sie würde halten, wenn nur die Welt nicht wär’.“ Beide zerbrechen daran. 

Komponist Jherek Bischoff reist bei diesem „Theater total“ in musikalischer Vielfalt durch die Facetten der Nacht, mit Walzern, Couplets, Nachtclub-Beats, Toneinspielungen, elektronischen Klängen, dem Ticken von Uhren und Zuspielungen, mit großer Orchesterbesetzung, Chorsätzen und auch mal a cappella, mit filmischen Underscores zu dramatisch durchchoreografierten Szenen, im Wechsel von Musical und Oper zu Songs, die in Chöre übergehen. Das alles wird von Maxim Böckelmann am Pult leidenschaftlich dirigiert.

Martin G. Berger und Martin Mutschler nutzen in den Dialogen teilweise Original-Horváth-Texte und erfinden in den Liedern mit gekonnten Reimen Momente der Emotion und des Verweilens, der Befindlichkeit der Menschen auf ihrer Suche nach dem Sinn des Seins. In der Synthese verschiedener Genres stellt dieses Auftragswerk der Staatsoper Hannover Weichen. Es ist nicht, wie so oft bei neuen Musicals, eine Nacherzählung oder Vertonung einer vorgegebenen Story, sondern ein poetisch-expressives, neues und eigenständiges theatrales Abenteuer des modernen Musiktheaters. Martin G. Berger fasziniert als kongenialer Regisseur seines eigenen Stücks, inszeniert mit szenischer Fantasie und fokussiert die Party unseres Lebens. Er zeigt, was Musical alles sein kann.

Auf der leeren Bühne dreht sich ein Kubus voller Glühbirnen (Bühne: Sarah-Katharina Karl): die Außenfront eines Nachtclubs mit Fenstereinblick auf das hektische Treiben im Innern, auf den Rausch aus Alkohol, Musik, Licht und Live-Videos. Später öffnet sich die Fassade und offenbart sich als Club von Juanita, mit Showtreppe und weißem Schaukelpferd als Karussell-Relikt aus dem sich drehenden Hippodrom und mit assoziativen Schauplätzen, Kostümen und Outfits der nächtlichen Szene. In einer gelungenen Mischung beweist die Kraft des Dreispartentheaters, wie ein Chor, zwei Musicaldarsteller, ein Schauspieler und die Opernsänger ein Musical auf die Beine stellen können.

Drew Sarich ist der schillernde Star dieser Reise durch die Nacht. Aus dem Original, der Affendame Juanita von der Raritätenshow auf dem Oktoberfest, wird der queere Host im Dschungel des vergnügungssüchtigen Partyvolks, der ständig seine exotischen Kostüme wechselt (brillant entworfen von Esther Bialas). Und ebenso seine Haltungen: mal augenzwinkernd im Dialog mit dem Publikum, mal ernst analysierend und nachdenklich oder als Showstar im eigenen Club. Auch Sophia Euskirchen ist eine Musicaldarstellerin der Extraklasse, die in Dialog und Gesang keine Wünsche offenlässt. Als Karoline ist sie zerbrechlich, kraftvoll, mal mit Mut, mal melancholisch, mal strahlend.

Schauspieler Dejan Bućin trifft mit verzweifelt-schnoddrigem Alltagsjargon und Spielweise das „lockere“ Verdrängen der existenziellen Probleme von Kasimir. Als schüchterner, „tumber“ Schürzinger überrascht Tenor Philipp Kapeller mit gutem Dialog, anrührendem Spiel und Humor. Yannick Spanier ist als Macho und Kleinkrimineller Merkl Franz körperlich und sprachlich voll in seiner Rolle, deren Freundin Erna (Ketevan Chuntishvili) berührt mit ihrer naiven Lebensphilosophie. Frank Schneiders (Rauch) und Daniel Eggert (Speer) kaufen sich als betuchte „alte Herren“ und als „geile Hirsche“ fies grinsend das Vergnügen nicht nur von den „leichten Mädchen“ (Barbara Carta und Tamar Sharon Hufschmidt). Mit einer Fülle von Fragen verlässt der Zuschauer das Theater.


Musikalische Leitung: Maxim Böckelmann • Bühne: Sarah-Katharina Karl • Kostüme: Esther Bialas • Licht: Fabian Grohmann • Live-Video: Anna-Sophia Leist • Ton: Christoph Schütz • Chor: Lorenzo Da Rio • Mit: Drew Sarich (Juanita), Dejan Bućin (Kasimir), Sophia Euskirchen (Karoline), Philipp Kapeller (Schürzinger), Ketevan Chuntishvili (Erna), Yannick Spanier (Der Merkl Franz), Frank Schneiders (Rauch), Daniel Eggert (Speer), Barbara Carta (Elli), Tamar Sharon Hufschmidt (Maria) • Chor der Staatsoper Hannover • Niedersächsisches Staatsorchester Hannover

Aufmacherfoto: Tim Müller

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