Anni Happrich als junge Anja und Irmgard Kuehnle Lang als Zarenmutter | MUSICAL TODAY

Anastasia – Das Musical

Schöne Stimmen und ein wenig Kitsch

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oRT
Theater unter den Kuppeln
von
Stephen Flaherty (Musik)
Terrence McNally (Buch)
Lynn Ahrens (Liedtexte)
Ruth Deny und Wolfgang Adenberg (Deutsche Fassung)
Regie
Giacoma Minoia, Julia Brückner und Christopher Kreß
Uraufführung
2016

Die verlorene Zarentochter Anastasia zum ersten Mal an der frischen Luft

Ist sie echt oder nicht? Das Musical um die Identität der jüngsten, eigentlich ermordeten Zarentochter feierte 2018 als Long-Run-Produktion in Stuttgart seine Deutschlandpremiere. Einen Katzensprung entfernt davon zeigt nun das Theater unter den Kuppeln, eines der Amateurtheater mit der längsten Musicaltradition in Deutschland, das melodienreiche Werk von Stephen Flaherty und Lynn Ahrens, das aus dem gleichnamigen Zeichentrickfilm entstand. In Stetten auf den Fildern, einem Stadtteil von Leinfelden-Echterdingen, schweben über der riesigen Freilichtbühne ab und zu die Maschinen vom nahen Flughafen in den Himmel.

Im Musical hat Anastasia Romanowa den Mord an ihrer Familie überlebt, irrt tapfer und mutig, aber ohne Gedächtnis durch Russland und wird, welch Glücksfall, von zwei liebenswerten Gaunern als Pseudo-Anastasia gecastet, um von der noch lebenden Zarenmutter in Paris eine Belohnung zu ergattern. „Anastasia“ steht in Stadt- und Staatstheatern selten auf dem Spielplan, ist aber bei Amateurkompanien sehr beliebt, wahrscheinlich wegen der sechs großen, ganz unterschiedlichen Rollen und den vielen Chor- und Tanzszenen. Sie werden hier von einem Ensemble interpretiert, das gut dreimal so groß wie damals bei den Profis.

Auf einer Freilichtbühne offenbaren sich die Probleme des Musicals: die vielen verschiedenen Schauplätze vom Zarenpalast über Parteibüros und St. Petersburger Straßen bis zur Pariser Oper und einem Nachtclub – eine Ausstattung zwischen extremer Pracht und extremer Armut. Trotz des funkelnden Eiffelturms im zweiten Teil fällt die Pracht hier vergleichsweise minimalistisch aus. Die Kostüme sind dafür opulent, wenngleich nicht immer perfekt in der Epoche. Gerade die Volksszenen sehen sehr echt aus, das darbende Russland nach dem Bürgerkrieg entsteht glaubhaft und realistisch. Bis hin zum Sprung der drei Flüchtlinge Anastasia, Dimitri und Vlad aus dem fahrenden Zug ist auch ihre lange Reise wesentlich sympathischer inszeniert als das rosarote Abenteuer auf der LED-Leinwand in der Originalinszenierung.

Dank der riesigen, handbetriebenen Drehbühne in Stetten wechseln die Schauplätze in perfektem Timing. Die Inszenierung von Giacoma Minoia, Julia Brückner und Christopher Kreß zeigt bei den Apparatschiks in Lenins Bürokratie, wie Frauen schon früh in der Sowjetunion leitende Funktionen übernahmen, und nutzt originell die natürliche Vegetation am Rand der Bühne. Sara Crouch Rymer und Nina Oelmann haben hübsche, kleine Choreografien für Solisten und Ensemble erfunden, mit Motiven von Charleston, Can-Can und Kasatschok im Nachtclub, mit einer feinen „Schwanensee“-Ballerina, vor allem aber mit einer fröhlichen Bewegungsregie für das Gauner-Trio oder Vlad und Gräfin Lily in Paris.

Als „Die Gräfin und der Bürgersmann“ leben die elegante, schnippische Maja Entrich und der verschmitze Alexander Koch den Hang zur Operette aus, den sich das Stück hier erlaubt, sie erfreuen mit Witz und natürlichem Charme. Colin Weitmann porträtiert einen geschniegelten, unter seiner Perfektion sichtlich leidenden Kommunisten Gleb, Irmgard Kühnle-Lange ist die stolze Zarenmutter mit Hang zum Pathos. Matthias Ahle als patenter, sehr verliebter Dimitri und vor allem Clara Jeutter mit ihrer schön timbrierten und wunderbar leicht geführten Stimme in der Titelrolle wären eine Zierde für jedes Profi-Ensemble. An Jeutter gefällt vor allem ihre Ruhe, die sensible Natürlichkeit.

Was jede Musicalproduktion unter den Kuppeln (unter einer von ihnen sitzt man) zu einem Ereignis macht, ist das 14-köpfige Orchester unter Peter Pfeiffer, der mitreißend dirigiert, das große Ensemble fest im Griff hat und auf Details achtet, etwa das zarte Spieluhr-Motiv, das hier so oft wiederkehrt. Zwei, drei von Stephen Flahertys Melodien gehen heftig ins Ohr, insgesamt aber leidet „Anastasia“ doch unter seinen Klischees und folgt, aus einem amerikanisierten Russland in ein amerikanisiertes Paris, viel zu brav der traditionellen Entertainment-Bauart. 


Musikalische Leitung: Angela Wiedemer • Orchesterleitung: Peter Pfeiffer • Regie: Giacoma Minoia, Julia Brückner und Christopher Kreß • Choreografie: Sara Crouch Rymer und Nina Oelmann • Bühne: Harald Rehm, Andrea Werthwein und Aylin Mössner • Kostüme: Nikolas Rotschedl und Linda Dambacher • Maske: Patricia Johnson und Angelika Ambacher • Sounddesign: Dave Prikryl • Mit: Clara Jeutter (Anastasia), Anni Happrich (Kleine Anastasia), Matthias Ahle (Dimitri), Alexander Koch (Vlad), Irmgard Kühnle-Lange (Zarenmutter), Maja Entrich (Gräfin Lily), Colin Weitmann (Gleb), Amelie Brücker (Ipolivota), Arnim „Ernie“ Schnellbächer (Ipolitov)

Aufmacherfoto: Theater unter den Kuppeln

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