Cast of Coven at Kiln Theatre Marc Brenner 09066 scaled | MUSICAL TODAY

Coven

We’ll Burn Down Your Society

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oRT
Kiln Theatre
von
Rebecca Brewer and Daisy Chute (Musik und Liedtexte)
Rebecca Brewer (Buch)
Regie
Miranda Cromwell
Uraufführung
2025

„Coven“ nutzt die Hexenprozesse von Pendle für eine großflächige Gesellschaftskritik 

Bereits seit 2018 arbeiteten Rebecca Brewer und Daisy Chute an einer Musicalversion der berüchtigten Hexenprozesse von Pendle (1612), die zu den bekanntesten der englischen Geschichte zählen. Unter der Regie von Miranda Cromwell erlebt „Coven“ nun am Kiln Theatre seine Premiere. Wie schon Arthur Miller mit seiner „Hexenjagd“ – der wohl wirkmächtigsten künstlerischen Auseinandersetzung mit der Hexenverfolgung – geht es den Autorinnen in „Coven“ nicht darum, die entsprechenden Prozesse dokumentarisch akkurat nachzuzeichnen. Vielmehr stellen sie Hexenverfolgung als Ausdruck gesellschaftlicher und politischer Misogynie dar und geben jenen Frauen eine Stimme, die von der Geschichte marginalisiert wurden.

Besonders eindrücklich formulieren die Autorinnen die zentrale Aussage des Musicals in einer großen Ensemblenummer im zweiten Akt: „Your voice is loudest, but it never earned the right to be. […] You burn our bodies, but we’ll burn down your society.“ Thematisch fügt sich das Stück mit dieser Empowerment-Aussage und der emanzipativen Neuperspektivierung historischer Narrative nahtlos in eine Reihe aktueller Musicals mit ähnlichem Ansatz ein, von denen „Six“ das Bekannteste ist. Ähnlich wie dieses bedient sich auch „Coven“ einer bewusst modernen Sprache, die voller Anachronismen ist, um so die historische Distanz zwischen dem Publikum und den Figuren aufzubrechen.

Musikalisch herrscht zwar ein klarer Folk-Sound vor, doch werden auch zahlreiche moderne Pop-Stile integriert. Glücklicherweise gelingt es der Band unter Leitung von Jennifer Whyte, trotz des Stilpluralismus eine kohärente Klangwelt zu generieren. Bühne und Kostüme (Jasmine Swan) sind minimalistisch gehalten, evozieren jedoch klar die Handlungszeit. Der Fokus der Inszenierung liegt eindeutig auf den Darstellerinnen und der Innenwelt ihrer Figuren.

Ausgangspunkt der Handlung ist die Inhaftierung von Jenet Device. Als Neunjährige hatte sie bei den Hexenprozessen von Pendle als Zeugin ausgesagt und war mitverantwortlich für den Tod ihrer Familie. Jetzt ist sie selbst der Hexerei angeklagt und trifft im Kerker auf andere vermeintliche Hexen, deren tragische Schicksale nach und nach offengelegt werden. Während der erste Akt die inhaftierten Frauen nahezu gleichgewichtig behandelt, fokussiert sich der zweite Akt auf Jenet.

Gabrielle Brooks überzeugt in dieser Rolle durch große schauspielerische Präsenz. Die Powerballade „I Want to Confess“ wird dank ihrer nuancierten Performance zum emotionalen Anker des zweiten Aktes. Mit ebenfalls rockig-kraftvoller Stimme wartet Shiloh Coke als Frances auf, eine Frau, die nach einer Fehlgeburt von ihrem Mann der Hexerei bezichtigt wird. Allyson Ava-Brown als Hebamme und Lauryn Redding als schwangere Rose ergänzen die spielstarke Besetzung.

Jede dieser Frauen hat eine spannende Geschichte zu erzählen, „Coven“ leidet jedoch unter der Vielzahl an Aussagen und Perspektiven. Eine stärkere inhaltliche und tonale Fokussierung hätte dem Musical gutgetan. Bisweilen kippt das Stück zudem ins Groteske – etwa in einer herrlich komischen, wenn auch bizarren Rückblende auf die Entstehung des „Hexenhammers“ oder in einer stark überzeichneten Gerichtsverhandlung. Hier glänzen Penny Layden als Comic-haft karikierter Richter und Kathryn Tindall als Zeuge Edmund Robinson in komödiantischen Paraderollen.

Obgleich die entsprechenden Szenen zu den unterhaltsamsten des Musicals zählen, unterminieren sie die ernsten und gesellschaftskritischen Aussagen des Stücks. Mit stärkerem Fokus (und ein paar Kürzungen im zweiten Akt) ist „Coven“ ein Musical mit Potenzial, dessen Themen in der heutigen Zeit anschlussfähig und gesellschaftlich relevant sind. Die eingängige Musik und die spielfreudigen Darstellerinnen garantieren einen eindrücklichen Abend, der trotz dramaturgischer Schwächen noch lange nachhallt.


Music Supervision: Jennifer Whyte • Regie: Miranda Cromwell • Choreografie: Shelley Maxwell • Ausstattung: Jasmine Swan • Licht: Zeynep Kepekli • Sounddesign: Helen Atkinson • Puppendesign: Oliver Hymans for Little Angel Theatre • Bewegungsregie der Puppen: Laura Cubitt • Mit: Allyson Ava-Brown (Nell/Elizabeth), Gabrielle Brooks (Jenet), Shiloh Coke (Frances/Alizon), Rosalind Ford (King James u.a.), Penny Layden (Martha/Judge), Lauryn Redding (Rose), Kathryn Tindall (Edmund/Covell), Meg Hateley (Maggie), Jennifer Whyte (Keys) u.a.

Aufmacherfoto: Marc Brenner

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