Les Misérables

Heldenhaftes in Zeiten des Elends

oRT
Staatstheater am Gärtnerplatz München
von
Claude-Michel Schönberg (Musik)
Alain Boublil & Jean-Marc Natel (Buch)
Regie
Josef E. Köpplinger
Uraufführung
1980

Münchens „Les Misérables“ ist ein Muss für Musicalfans

Vorneweg: In Josef E. Köpplingers bereits zweiter Inszenierung von Claude-Michel Schönbergs „Les Misérables“ (in Kooperation mit dem Theater St.Gallen) gibt es definitiv Null und Nichts zu „kritteln“. Ganz im Gegenteil: Man feiert das kreative Produktionsteam und die hochkarätig besetzte Inszenierung mit Standing Ovations. Genauso geht Musical eben auch abseits der bekannten Genre-Hotspots!

Zum wirklich beachtlichen Top-Niveau steuern neben den zahlreichen Solisten auch der Haus-Chor und das Spitzenorchester einen wesentlichen Part bei. Auch dank der musikalischen Leitung von Musicalprofi Koen Schoots, der die raffiniert mit Leitmotivik arbeitende Fusion von Pop und italienischer Oper à la Puccini betont. Durch vielfachen Einsatz der Drehbühne sowie dem filmreifen Setting von Rainer Sinell freut man sich über nahtlos ineinanderfließende Szenen. Opulent-authentische Kostüme unterstreichen den hohen Anspruch der Ausstattung.

„Die sozialen Probleme gehen über die Grenzen hinaus“, wusste schon Victor Hugo. 1862 erschien sein Buch „Die Elenden“, das ursächlich für den Publikumshype verantwortlich ist, den die in 22 Sprachen übersetzte Musical-Adaption überall dort auslöst, wo sie seit 44 Jahren auf der Bühne realisiert wird. Weltweit sahen über 130 Millionen Zuschauer dieses Musiktheater-Kunststück, in dem Partitur, Plot und Pathos aufs Beste und so originell zusammenspielen, dass es unmittelbar unter die Zuschauerhaut geht.

Schlüssig wird das Schicksal des ehemaligen Sträflings Jean Valjean, der eine neue Identität annimmt, um der Stigmatisierung zu entfliehen, mit dem von Inspektor Javert verknüpft. Der ist besessen von der Macht des Rechts, seinem Obrigkeits-Denken und der jahrzehntelangen Jagd nach dem untergetauchten Valjean. Erst im erbitterten, blutig endenden Kampf der Studenten auf den Pariser Barrikaden 1832 wird Javert von der Güte seines Kontrahenten überwältigt und nimmt sich schließlich das Leben. Neben all den Heldinnen und Helden, die voller Inbrunst für eine bessere Zukunft kämpfen, zweifeln und scheitern, kommen mit dem skrupellosen Wirtspaar Thénardier – in München als groteske Paraderollen grandios gestaltet von Dagmar Hellberg und Alexander Franzen – diejenigen ins Spiel, die aus Chaos und Elend schamlos Kapital schlagen.

Kein Wunder also, dass sich Josef E. Köpplinger auf das Phänomen der Gerechtigkeit fokussiert, der die Welt bis heute nicht gerecht wird. „Jeder Fanatismus endet in Fatalismus“: Bereits auf den Bühnen-Vorhang wird Voltaire projiziert. „Les Misérables“ empfindet Köpplinger im besten Sinne auch als emotionale Pornografie. Und treffender lässt sich die sinnliche Wucht auch kaum beschreiben, die sich da im Gärtnerplatztheater von der Bühne in den Zuschauerraum ergießt. Zu verdanken an vorderster Linie den Musicaldarstellern Wietske van Tongeren, die Fantines dramatisch-schmerzerfülltes Bekenntnis „I Dreamed A Dream“ zu einem Höhepunkt macht, oder Daniel Gutmann als tiefgründigem Javert, Florian Peters (Marius) und Katia Bischoff in der Rolle der Éponine.

Letztlich toll aufgelöster Wermutstropfen der Premiere ist die Tatsache, dass Hauptdarsteller Armin Kahl bereits nach wenigen Minuten virusbedingt die Stimme wegbleibt. Bis zur Pause springt aus dem Graben heraus Zweitbesetzung Filippo Strocchi ein, der danach im Kostüm und auf der Bühne weitermacht und mit vokaler Intensität und Feinschliff die innere Zerrissenheit und Sorge um das Schicksal seiner geliebten Ziehtochter Cosette (Ricarda Livenson als Kind, später Julia Sturzlbaum) verkörpert und „lebt“.


Musikalische Leitung: Koen Schoots • Choreografie und Co-Regie: Ricarda Regina Ludigkeit • Bühne: Rainer Sinell • Kostüme: Uta Meenen • Licht: Josef E. Köpplinger und Andreas Enzler • Ton: Tibor Adamecz • Chor: Dovilė Šiupėnytė • Mit: Armin Kahl/Filippo Strocchi (Jean Valjean), Daniel Gutmann (Javert), Wietske van Tongeren (Fantine), Alexander Franzen (Thénardier), Dagmar Hellberg (Madame Thénardier), Julia Sturzlbaum (Cosette), Katia Bischoff (Éponine), Florian Peters (Marius), Merlin Fargel (Enjolras), Philipp Hopf (Gavroche), Ricarda Livenson (Kleine Cosette), Alice Motataianu (Kleine Éponine) u.a. • Chor und Orchester des Staatstheaters am Gärtnerplatz

Aufmacherfoto: Markus Tordik

Kategorien

Archiv