Der Zauberlehrling

Siehst Du den Rainbow?

oRT
Schauspiel Stuttgart
von
Marius Schötz (Musik)
Marthe Meinhold (Buch)
Regie
Marthe Meinhold & Marius Schötz
Uraufführung
2024

„Der Zauberlehrling“ als Musical: Parodie oder doch nicht?

Vor allem durch das düstere Sprichwort von den „Geistern, die ich rief“ bleibt Johann Wolfgang von Goethes Ballade vom „Zauberlehrling“ im kollektiven Gedächtnis: Der titelgebende Auszubildende verzaubert sich und setzt mit seiner Selbstüberschätzung das ganze Haus unter Wasser. Das klingt nach der heutigen Jugend, die sich auch gern für kompetent hält, also machen wir ein Musical draus, dachte sich das Regieduo Marthe Meinhold und Marius Schötz. Ersetzen wir Goethes Lehrling durch die Generation Z, die sich bei all ihrem Selbstbewusstsein doch am liebsten um die Work-Life-Balance kümmert, und den alten Zaubermeister durch einen abgewrackten Entertainer, der nicht zufällig den Namen Dieter Thomas Schleck trägt.

Bereits ein Jahr zuvor hatten Meinhold und Schötz im Stuttgarter Kammertheater mit „The Magic Key“ eine ähnliche „Stückentwicklung“ vorgestellt: ein gemeinsam von allen Mitwirkenden gestaltetes Stück ohne vorgegebenen Text, in dem über das Bühnengeschehen partizipativ, also vom ganzen Team gemeinsam entschieden wird. Damals immerhin war die Musik von Schötz noch sehr originell aus allen möglichen Quellen inspiriert, jetzt hat er einfach ein paar banale, vom Klavier begleitete Songs ins Geschehen geworfen, mit Texten, die nach Parodien klingen: „Siehst Du den Rainbow? Glaubst an tomorrow? Let’s go!“

Die vier Lehrlinge – Noah Ahmad Baraa Meskina, Noëlle Haeseling, Felix Jordan und die Pianistin Eun Chong Park – singen tatsächlich auch Goethes Ballade im Chor, in der ein Besen zum unseligen Wasserträger mutiert. Sie wird vor dem riesigen Metallgestell mit der Aufschrift „NO MAGIC“ (Ausstattung: Florian Kiehl) mit einem überlaufenden Schaumbad illustriert. Die Jugend badet im Komfort, so mag man wohl das Bild deuten. Die wortreiche Selbsterkenntnis der Lehrlinge nach der Katastrophe bleibt einfach ein weiterer, lustiger Teil ihrer Eitelkeit, eine Katharsis findet nicht statt.

Wenn Herr Schleck als lebensgroßer Besen samt wallendem Blondhaar wiederkehrt und sein Darsteller Klaus Rodewald mit brüchiger Stimme heldentenorale Melodien stemmt, dann ist das weder Parodie noch ein Spiel mit dem Genre Musical, wie es hier im Stuttgarter Staatsschauspiel einst Harald Schmidt mit seinem „Prinz von Dänemark“ so herrlich demonstriert hatte. Dieses neue „Musical“ missbraucht indes ein weiteres Mal das allzu überholte Klischee vom seichten Unterhaltungsgenre – wollte man böse sein, würde man die Banalität der Texte mit der brillanten Sprache von „Hamilton“ oder dem psychoanalytischen Tiefblick von „Next to Normal“ konfrontieren.

Statt irgendwie ironisch oder gar satirisch zu klingen, schlagen die Dialoge den pseudo-empathischen Tonfall des Trash-Fernsehens an, wo die Mitwirkenden immer wieder berichten, wie gut oder schlecht sie sich gerade dabei fühlen. Am Ende ist, exakt wie bei Goethe, durch den Dilettantismus der Lehrlinge das ganze Haus überflutet. Der beste Gag des Abends ist noch ihre Frage nach der Haftpflichtversicherung: Sicher haben die Alten doch vorgesorgt? Ja, haben sie: mit vielen guten Dramen, Komödien und Musicals, die man stattdessen inszenieren könnte. Die Bezeichnung „Stückentwicklung“ wird beim kommerziellen Musical doch sehr viel ernsthafter betrieben.


Ausstattung: Florian Kiehl • Licht: David Sazinger • Mit: Noëlle Haeseling, Felix Jordan, Noah Ahmad Baraa Meskina, Klaus Rodewald • Piano: Eun Chong Park, Eufemia Manfredi

Aufmacherfoto: Björn Klein

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