
Säuft die „Rocky Horror Show“ ab?
Besser hätte das Wetter am Premierenabend der „Rocky Horror Show“ die Zuschauer gar nicht in die Handlung integrieren können. Durch den andauernden Regen fühlt man sich auf dem Weg vom Parkplatz zur Luisenburg ein bisschen wie Brad und Janet auf dem Weg zu Frank’n’Furters Schloss, in dem sie auf eine Gruppe schriller Außerirdischer treffen. Sicherlich wäre allen Beteiligten Sonne und Trockenheit zu wünschen gewesen, doch das Ensemble lässt sich nicht abhalten und wälzt sich dennoch auf der triefend nassen Bühne.
Kultstatus hat das Musical ohnehin längst erreicht. Zahlreiche Besucher kommen kostümiert in die Vorstellung, auch die obligatorischen Reaktionen auf die Handlung sind zuhauf vorhanden. Während beim aktuellen Broadway-Revival das Publikum gebeten wird, die Zwischenrufe sorgsam einzusetzen, da es sich nicht um eine Mitternachtsvorführung des Films handele, werden in Wunsiedel die Besucher mit der Mitmachtüte explizit dazu aufgefordert. Ob man eine Interaktion in diesem Maße gut findet, ist jedem Einzelnen überlassen.
Die Erwartungshaltung des Publikums jedenfalls wird erfüllt: Peter Hohenecker inszeniert das Stück mit zahlreichen Reverenzen an die Verfilmung. Etwas schade ist, dass sich die Inszenierung in erster Linie im vorderen Bereich der Bühne abspielt und die imposante Felsenlandschaft wenig in das Spiel miteinbezogen wird. Ein bisschen ist dies auch der Tatsache geschuldet, dass das durchaus beeindruckende Bühnenbild in bunter Cartoon-Ästhetik (Martin Scherm) mit seinem großen rot-lippigen Totenkopf den Blick auf die Natur etwas beeinträchtigt. Vor allem am Schluss wird diese jedoch nochmals durch das imposante Lichtdesign in Szene gesetzt und liefert mit Bühnennebel einen optischen Höhepunkt des Abends. Anita Holms Choreografie nutzt die Breite der Naturbühne aus, Laura Daniela Arriaga Velez’ Kostüme sind passend frivol.
Auch dem Ensemble merkt man den Spaß an diesem Stück an. Manuel Karadeniz als Frank’n’Furter überzeugt durch sein Spiel und seine beeindruckende Stimme, auch wenn er an manchen Stellen noch etwas furchteinflößender sein könnte. Seine große Schlussnummer „I’m going home“ ist sehr anrührend. Herrlich verklemmt agieren Sarah Gadinger und Gunnar Frietsch als Janet und Brad. Sehr amüsant gelingt dem Paar auch die jeweilige Verführungsszene mit Frank’n’Furter, können sie doch beide am Schluss eine Mischung aus Verletzlichkeit und Trauer zeigen, wenn sie alleine auf der Bühne zurückbleiben. Aus dem Dreierteam Riff-Raff (Fynn Duer-Koch), Columbia (Lilia Höfling) und Magenta (Anna-Sophie Weidinger) sticht vor allem letztere hervor. Mit ihrer großen Bühnenpräsenz liefert sie bereits zu Beginn bei „Science-Fiction“ einen Höhepunkt des Abends. Timm Moritz Marquardt als Rocky lässt die Muskeln spielen und verleiht der Figur Tiefe und Verletzlichkeit. Als Eddie und Dr. Scott spielt sich Mischa Mang von Beginn an in die die Herzen der Zuschauer. Sebastian Krämer trotzt stoisch den „Boring!“-Zwischenrufen und gibt einen herrlichen trockenen Erzähler.
Die Band unter der musikalischen Leitung von Vojtěch Adamčík liefert den passenden Sound. Die Tonabmischung überdeckt das Ensemble nicht, sondern sorgt für gute Textverständlichkeit, lediglich der andauernde Regen scheint manchem Mikroport etwas zuzusetzen. So verlässt man die Luisenburg nach einem unterhaltsamen Abend mit dem ein oder anderen Kult-Ohrwurm.
Musikalische Leitung: Vojtěch Adamčík • Regie: Peter Hohenecker • Choreografie: Anita Holm • Bühne: Martin Scherm • Kostüme: Laura Daniela Arriaga Velez • Mit: Manuel Karadeniz (Frank’n’Furter), Sarah Gadinger (Janet), Gunnar Frietsch (Brad), Fynn Duer-Koch (Riff-Raff), Anna-Sophie Weidinger (Magenta), Lilia Höfling (Columbia), Timm Moritz Marquardt (Rocky), Mischa Mang (Eddie/Dr. Scott), Sebastian Krämer (Erzähler) u.a.
Aufmacherfoto: Luisenburg-Festspiele/Florian Miedl




