Steven Armin Novak als Chaplin im Film Das Kind c Tino Kratochvil | MUSICAL TODAY

Chaplin – Das Musical

Der Tramp kehrt heim

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Ort
Walensee-Bühne
VON
Christopher Curtis (Musik und Liedtexte)
Thomas Meehan und Christopher Curtis (Buch)
Nico Rabenald (Deutsche Fassung)
Direction
Stanislav Moša
World premiere
2012

„Chaplin – Das Musical“ verzaubert mit einem Fest für alle Sinne

Die Walensee-Bühne im Kanton St. Gallen, eingebettet in eine beeindruckende Naturkulisse, präsentiert mit „Chaplin – Das Musical“ weit mehr als sommerliche Unterhaltung. Die Produktion ist eine eindrucksvolle Hommage an einen der größten Künstler des 20. Jahrhunderts, der 25 Jahre seines Lebens in der Schweiz verbrachte.

Die Inszenierung von Regisseur Stanislav Moša ist langsamer angelegt, als man es heute gewohnt ist. Das gibt den Darstellenden Raum zum Glänzen und dem Publikum die Zeit, einzutauchen und mitzuerleben. Die Geschichte wechselt zwischen Rückblenden und Gegenwart. Diese Zeitsprünge machen erlebbar, wie sehr Chaplins Filme von seiner eigenen Geschichte geprägt waren, und verleihen der Inszenierung zusätzliche Emotionalität. Dazu gesellen sich subtile Gestaltungselemente: Eine Rose zieht sich als Symbol durch das gesamte Stück bis in den Schlussapplaus, Rottöne werden in den Kostümen von Oona, Chaplins großer Liebe, weitergetragen.

Das Bühnenbild von Petr Hloušek ist schlicht sensationell. Es ist einem Filmset nachempfunden: Sein und Schein in einem. Im unteren Bereich Kulisse für Film und Theater, dahinter und darüber das nackte Gerüst, das das Konstrukt zusammenhält. Eine passende Analogie zu Chaplins Lebensgeschichte: der Mann hinter der Kunstfigur.

Der eigentliche Geniestreich ist die riesige, transparente LED-Wand im Mittelteil der Bühne. Tausende LEDs lassen dort Originalszenen aus Chaplins Filmen und andere Zeitdokumente flimmern. Die Projektionen führen die Geschichte und halten sie zusammen. Ansonsten gilt: What you see is what you get. Es gibt kaum bewegliche Teile, als prominenteste Requisiten einige Holzbänke und die omnipräsente Filmkamera. Mehr braucht es auch nicht. Sobald es in der zweiten Hälfte Nacht wird, tritt ein weiteres Element in den Vordergrund: das Lichtdesign von David Kachlíř, das die Handlung mit feinem Gespür akzentuiert und der Inszenierung zusätzlich Intensität verleiht.

Das Ensemble überzeugt auf ganzer Linie. Im Mittelpunkt steht Steven Armin Novak in der Titelrolle. Ihm gelingt der Wechsel zwischen Charlie und dem Tramp auf beeindruckende Weise. Die Zerrissenheit des Charakters, das Leben mit und ohne Rampenlicht, die beinahe krankhafte Getriebenheit als Filmemacher, all das verkörpert er mit großer Virtuosität und überzeugt dabei auch gesanglich. Neben ihm brilliert Sylvia Heckendorn als seine Mutter: darstellerisch eindringlich und emotional, stimmlich hervorragend mit samtig warmem Sopran. Ein weiteres großes darstellerisches und gesangliches Ausrufezeichen setzt Deliah Stuker als gefürchtete Klatschkolumnistin Hedda Hopper. Sie ist Chaplins Antagonistin, die ihn nach einer journalistischen Zurückweisung diffamiert und seinen Weg ins Schweizer Exil begründet. Einen reizvollen Gegenpol dazu bildet Kelly Panier als Oona O’Neill: Ihre glockenreine und doch warme Stimme verleiht der großen Liebe Chaplins auch klanglich große Strahlkraft. Christian Sollberger als Bruder Syd und das gesamte 21-köpfige, internationale Ensemble machen ihre Sache hervorragend, trotz nasskalter Witterung am Premierenabend. Chapeau!

Die Kostüme von Andrea Kučerová sind ein Augenschmaus von der ersten bis zur letzten Szene. Besonders reizvoll: Die Kostümwechsel Charlies finden fast durchgehend auf der Bühne statt. Ein stetiger, sichtbarer Wechsel zwischen Mensch und Kunstfigur. Die Choreografie von Tihana Strmečki fügt sich passend zur Epoche ein: ästhetisch, geschmackvoll, stilistisch stimmig und vom Ensemble souverän ausgeführt. Das Orchester unter Leitung von Gaudens Bieri liefert einen gewaltigen, eindringlichen und emotional aufgeladenen Klangteppich.

Charlie Chaplin lebte dafür, Menschen zu unterhalten. Die Walensee-Bühne erweist ihm mit dieser Produktion eine würdige Hommage. „Chaplin – Das Musical“ ist tolles Musiktheater unter freiem Himmel: ein Abend, der berührt, begeistert und in der einzigartigen Naturkulisse des Walensees seine ganz eigene Magie entfaltet.


Musikalische Leitung: Gaudens Bieri • Regie: Stanislav Moša • Choreografie: Tihana Strmečki • Bühne: Petr Hloušek • Kostüme: Andrea Kučerová • Maske: Sandra Wartenberg, MaskenWerkstatt Schweiz • Licht: David Kachlíř • Sounddesign: Andreas Brüll • Mit: Steven Armin Novak (Charlie Chaplin), Christian Sollberger (Sydney Chaplin), Sylvia Heckendorn (Hannah Chaplin), Deliah Stuker (Hedda Hopper), Christian Bartels (Alf Reeves), Timo Balzli (Mack Sennett), Kelly Panier (Oona O’Neill), Thomas Christ (Fred Karno/McGranery), Marjeta Urch (Junger Charlie), Liviana Degen (Mildred Harris) u.a.

Aufmacherfoto: Tino Kratochvil

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