
Ein neues Kammermusical scheitert an sich selbst
Der Sohn kümmert sich um die Kunst, die Mama ums Geschäft – so in etwa kann man sich die Erfüllung des Lebenstraums von Bernd Julius Arends vorstellen, der 2010 das KATiELLi Theater gründete und seitdem mit einem abwechslungsreichen Programm aus Kammermusicals, Kabarett, Popkonzerten und Kindertheater bespielt. Ab und an steht der Musicaldarsteller, der an vielen großen deutschsprachigen Theatern aufgetreten ist, auch selbst auf der Bühne oder führt Regie. Mit Stücken wie „King Kong“ und „Blutsbrüder“ feierte er erste Erfolge, festigte dann mit den deutschen Erstaufführungen von „Thrill Me“ und „tick, tick … BOOM!“ seinen guten Ruf in der Musicalszene. Nun gibt Arends dem Nachwuchs eine Chance und hat als Uraufführung „1001“, die erste Musical-Eigenproduktion des Autoren-/Komponistenpaars Anke Pan und Yuhao Guo, für sechs Gastspiele eingeladen.
Der Titel bezieht sich auf die zwei Hauptfiguren der persischen Märchensammlung „Tausendundeine Nacht“: König Schahriyar und Königin Scheherazade. Der von einer früheren Ehefrau gehörnte König beschloss einst, jeden Tag eine neue Frau zu heiraten und sie nach der Hochzeitsnacht hinrichten zu lassen, damit sie ihn nicht betrügen kann. Scheherazade will diesem grausamen Treiben Einhalt gebieten und erzählt ihm in ihrer ersten gemeinsamen Nacht ein Märchen, dessen Ende sie allerdings offenlässt. Neugierig auf den Ausgang der Geschichte, lässt der König sie am Leben. Dieses Spiel zieht sich 1001 Nächte hin, bis Schahriyar von der Treue Scheherazades überzeugt ist …
Anke Pan hat die Geschichte in die Jetztzeit verlegt und – „ganz woke“ – die Geschlechterrollen vertauscht: Der junge Kioskbesitzer Jonah (Pascal Schürken) trifft eines Nachts auf einer Brücke die gleichaltrige Ava (Ana Ramirez), die gerade beschlossen hat, sich das Leben zu nehmen. Der redselige Jonah überredet sie, sich erst einmal eine seiner Geschichten anzuhören. In der Hoffnung, Ava von ihren Selbstmordgedanken abzubringen, erzählt er ihr eine Story nach der anderen – bis sich das Blatt auf dramatische Art und Weise wendet …
Pan und Guo mag wohl so etwa wie Jacques Demys und Michel Legrands „Die Regenschirme von Cherbourg“ vorgeschwebt haben – eine durchkomponierte „Jazz-Oper“, in der auch die (Alltags-)Dialoge gesungen werden, ehe sie harmonisch in die Songs übergehen. Leider hat Guos Partitur nicht diesen melodischen Fluss, sondern lässt so manchen Song zum Sprechgesang verkommen, sodass selbst der musicalerfahrene Pascal Schürken nicht immer den richtigen Ton trifft. Und auch Ana Ramirez’ schöner Mezzosopran kommt selten zur Entfaltung. Beide haben offensichtlich das Belten bereits so verinnerlicht, dass sie ihm noch beim dramatischen Finale, als ihn der Krebs-Tod ereilt, einen Song hinterherschreit – und er aus dem Jenseits zurückbeltet.
Ein Problem ist auch, dass man keinen der Songs im Ohr behält, weil sich die Partitur eher wie mehrere Strophen desselben Songs anhört – da kann sich die enthusiastisch aufspielende Band um den Komponisten am Keyboard, Luca Miketta an der Gitarre und Julian Böckeler am Schlagzeug auch noch so ins Zeug legen. Gegen diesen musikalischen Einheitsbrei, gegen die Küchen-Philosophie und -Psychologie des Librettos von Anke Pan, das den Protagonisten Sätze nach dem Motto „Sie haben eigentlich nichts zu sagen, aber dann singen sie es auch noch“ in den Mund legt, haben sie einfach keine Chance. Zumal Pans Regie allzu oft die Zügel schleifen lässt.
Da zudem die selbstgebastelte, eher an ein Kindergarten-Ringelreihen erinnernde Choreografie kein Musicalfeeling aufkommen lässt, erinnert man sich wieder an Michel Legrand. Der hatte auf die Frage eines Journalisten, was er von dem Musical-Score eines jungen Kollegen halte, geantwortet: „Diese Musik atmet kein Talent.“ Das muss man bei „1001“ leider auch auf das Libretto ausweiten – schade!
Musikalische Leitung: Yuhao Guo • Regie: Anke Pan • Mit: Pascal Schürken (Jonah), Ana Ramirez (Ava) • Band: Yuhao Guo (Keyboard), Luca Miketta (Gitarre), Julian Böckeler (Schlagzeug)
Aufmacherfoto: Fredda Weiler




