
Dunkle Zeiten in „Spring Awakening“ an der Volksoper Wien
„Wie soll es mit dieser Generation weitergehen?“, schallt es durch die Lautsprecher der Wiener Volksoper. Ein heiterer Abend verspricht diese Premiere nicht zu werden. Energetisch, kraftvoll, wütend interpretiert das junge Ensemble unter der Regie von Frédéric Buhr einen der wohl düstersten Musicalstoffe, nach Frank Wedekinds berühmtem Theaterstück „Frühlings Erwachen“. In der Zeit der Jahrhundertwende versucht sich die junge Generation inmitten prüder Sexualmoral und einem restriktiven Erziehungssystem zurechtzufinden. Die erblühende Sexualität ist allgegenwärtig in einer schambehafteten, lieblosen Welt, in der Erwachsene bloßer Störfaktor sind und psychische wie physische Gewalt die Regel statt die Ausnahme ist.
Bei all der Schwere bietet die Musik einen Safe Space, in den die Figuren für einen kurzen Moment auszubrechen vermögen. Die achtköpfige Band um den musikalischen Leiter Christian Frank wird zum blühenden Zufluchtsort in der Bühnenmitte, erleuchtet von einem Hexagon-Heiligenschein. Zwischen Gitarren-Rock und Streicher-Pop produziert sie einen klaren, studioreifen Sound, der sich gemeinsam mit den Sängerstimmen zu einem stückentsprechenden ‚Ohr-gasmus‘ entfaltet. Bereits die ersten Ensemblenummern „Mama Who Bore Me“ und „The Bitch of Living“ (die Songs erklingen in englischer Sprache) etablieren die hohe gesangliche Qualität und Spielfreude des jungen Ensembles. Dazu gesellen sich Jugendliche mit außergewöhnlichem Auslebungsdrang in Form von Flickflacks und Saltos, eindrucksvoll in Szene gesetzt von Stunt Coordinator Ran Arthur Braun, ergänzt um präzise Choreografien von Klevis Elmazaj.
Im Zentrum der Geschichte stehen drei junge Menschen: Wendla, deren Mutter sich der Aufklärung ihrer Tochter verweigert, nur um sie dann für ihre ungewollte Schwangerschaft zu schelten – am Premierenabend in feiner Nuancierung aus Fragilität und Stärke von Paula Nocker interpretiert. Auch Moritz leidet unter den fehlenden Bewältigungsmechanismen seiner neu entstehenden Lust und wird zum Opfer schulischen Leistungsdrucks. Til Ormeloh verkörpert die daraus folgende Instabilität mit einer faszinierenden Intensität. Sein Selbstmord ist einer der Brennpunkte des Abends.
Mit seiner Aufgeschlossenheit durch den Abend führt schließlich Melchior, dessen fortschrittliches Denken in seiner fürsorglichen Mutter wurzelt. Paul Aschenwald verleiht ihm eine höchst souveräne Emotionalität mit schönem Mix in der engelsklaren Stimme, die besonders berührt, als er schlussendlich statt seiner Liebe Wendla nur deren Grab vorfindet. Mit einer Stimme, die ihresgleichen sucht, überzeugt zudem Isabel Saris als Martha, als sie die Vergewaltigung ihrer Schwester Ilse (großartig: Hannah Severin) durch den eigenen Vater besingt. Es sind Szenen, deren emotionale Wirkung einem genauso im Halse stecken bleibt wie die Erkenntnis, dass sich diese Rohdiamanten gerade erst in der Ausbildung befinden.
Im Gerüst der Gesellschaft gefangen, versuchen sich die Jugendlichen ihren Weg zur erlösenden Mitte, dem Frühling, zu erklimmen, der in seiner Höhe nur für die Toten erreichbar scheint. Die inhaltliche wie optische Düsternis erzeugt eine beklemmende Atmosphäre mit schönen Bildern, die in ihrer metallisch-rotierenden Tristesse etwas repetitiv werden und selbst im Finale „Purple Summer“ nur einen winzigen Funken Hoffnung zulassen.
„Eine Kindertragödie voller ungehörter, gequälter Schreie junger Menschen“: So wie Wedekind sein Drama beschrieb, hat Regisseur Buhr die Härte dieses Musicals bewusst herausgearbeitet. Die Jugend als Opfer einer Gesellschaft, eines Systems, das einschränkt statt befreit. Die Antwort der Jugend? „Totally Fucked!“ Ein Jubelsturm aus dem Auditorium, dessen Zuschauer sich wiedererkennen in einem jungen Ensemble, das in seiner Einheit aus Stimmen und Körpern zu Gänsehaut rührt. Am Ende steht der Saal und will gar nicht aufhören, diese starken Erwachsenen von morgen zu bejubeln.
Musikalische Leitung: Christian Frank • Regie: Frédéric Buhr • Choreografie: Klevis Elmazaj • Stunt-Koordination: Ran Arthur Braun • Bühne: Agnes Hasun • Kostüme: Constanza Meza-Lopehandia • Licht: Alex Brok • Sounddesign: Martin Lukesch • Mit: Paula Nocker (Wendla), Paul Aschenwald (Melchior), Til Ormeloh (Moritz), Isabel Saris (Martha), Myriam Akhoundov (Thea), Laura Magdalena Goblirsch (Anna), Hannah Severin (Ilse), Lorenz Pojer (Hänschen/Dieter), Camillo Guthmann (Ernst/Rupert), Jonathan Guth (Georg/Albrecht), Johannes Brand (Otto/Reinhold), Martina Dorak (Erwachsene Frau), Peter Lesiak (Erwachsener Mann) • Stunts: Show Talent Network
Aufmacherfoto: Marco Sommer




