
In „Kiss of the Spider Woman“ treffen grausame Realität und schillernde Fantasiewelten aufeinander
Während „Cabaret“ und „Chicago“ auch hierzulande regelmäßig auf den Musical-Spielplänen zu finden sind, gehört „Kiss of the Spider Woman“ von John Kander und Fred Ebb zu den eher selten gespielten Werken – und das, obwohl es sich um eine der ambitioniertesten Arbeiten des Autorenteams handelt. Basierend auf Manuel Puigs gleichnamigem Roman, der 1985 erfolgreich verfilmt wurde, spielt das Stück in einem argentinischen Gefängnis, in dem Folter und Misshandlungen an der Tagesordnung sind. Dort müssen sich zwei ungleiche Männer eine Zelle teilen: der homosexuelle, reichlich exaltierte Schaufensterdekorateur Molina und der verschlossene Revolutionär Valentin. Um die grausame Realität zu bewältigen, flüchtet sich Molina in die schillernde Welt von Filmstar Aurora, die als geisterhafte Spinnenfrau den Gefängnisalltag erträglich macht.
Terrence McNally hat die Vorlage zu messerscharfen Dialogen komprimiert, während Kander und Ebb einen fantastischen Score geschaffen haben, der eine eindrucksvolle stilistische Vielfalt offenbart: Da gibt es im leitmotivisch wiederkehrenden „Over the Wall“ schneidende Dissonanzen, die die Gefängniswelt darstellen, Rezitativpassagen, die an Sondheim erinnern, komplexe Ensembles, wie im ergreifenden Quartett „Dear One“, und natürlich jede Menge lateinamerikanisches Tanzflair. Kanders Melodien sind gewohnt eingängig und werden von Ebbs scharfzüngig-pointierten Lyrics perfekt ergänzt – zu den textlichen Highlights gehört der Song „Where You Are“, der mit Zeilen wie „The more you face reality, the more you scar“ das Kernthema des Musicals auf den Punkt bringt.
Durch das reizvolle Gegeneinander eskapistischer Shownummern voller Hollywood-Glamour (mit opulenten Kostümen von Gabriella Slade genussvoll ausgestaltet) und politischer Hymnen wie „The Day After That“ entwickelt das Musical eine beeindruckende Sogwirkung. Regisseur Paul Foster erhält diese mit seiner temporeichen und klug zwischen Fantasie und Realismus balancierenden Inszenierung gut aufrecht. Der realistische Zugriff wird durch David Woodheads funktionales Gefängnis-Set und die minutiöse Kampfchoreografie von Kate Waters optimal unterstrichen. Anna-Jane Casey kostet die dankbare Rolle der Aurora/Spider Woman sichtlich aus und verleiht ihr eine verführerisch-unheimliche Aura. Insbesondere in Nummern wie „Gimme Love“ zeigt sie tänzerische Brillanz (Choreografie: Joanna Goodwin) und schier unerschöpfliche Energie.
Fabian Soto Pacheco gelingt der schwere Spagat, Molina mit der nötigen flamboyanten Exzentrik zu spielen, ohne ihn zur Karikatur verkommen zu lassen. Während er in Songs wie „Dressing Them Up“ mit einem präzisen komödiantischen Timing zu überzeugen weiß, gelingt ihm mit der großen Finalnummer „Only in the Movies“ einer der (gesanglichen) Höhepunkte des Abends. George Blagden spielt Valentin mit stoischer Zurückhaltung, die seine gut gesetzten emotionalen Ausbrüche – etwa in seinem lyrischen Solo „Marta“ – umso erschütternder machen. Aus dem hervorragend besetzten Ensemble sticht Tori Scott als Molinas Mutter heraus, deren „You Could Never Shame Me“ für Gänsehaut sorgt.
Etwas bedauerlich ist, dass man sich für ein sehr kleines Ensemble entschieden hat. Die Gefängnisszenen und die großen Tanznummern müssen mit nur drei bis vier Personen auskommen, was für „Kiss of the Spider Woman“ deutlich zu wenig ist. Musikalisch tut die geringe Besetzung dank guter Tontechnik und einer schmissigen Begleitung durch die sechsköpfige Band (Musikalische Leitung: Dan Glover) keinen Abbruch. Zudem sorgt die Kammermusical-artige Inszenierung für eine emotionale Unmittelbarkeit – und Ehrlichkeit –, die bei diesem Stück enorm wichtig ist. So entsteht ein eindringlicher Abend, der ebenso unterhält wie zum Nachdenken anregt und vor allem durch den kunstvollen Score zu fesseln weiß.
Music Supervision und Musikalische Leitung: Dan Glover • Regie: Paul Foster • Choreografie: Joanna Goodwin • Kampfregie: Kate Waters • Bühne: David Woodhead • Kostüme: Gabriella Slade • Perückendesign: Sam Cox • Licht: Howard Hudson • Videodesign: Andrzej Goulding • Sounddesign: Matt Peploe • Mit: Anna-Jane Casey (Aurora/Spider Woman), Fabian Soto Pacheco (Molina), George Blagden (Valentin), Tori Scott (Molina’s Mother), Damian Buhagiar (Guard), Gabriela Garcia (Marta), Jay Rincon (Warden) u.a.
Aufmacherfoto: Marc Brenner




