
„Stimmen im Kopf“ meistert den sensiblen Grat zwischen Ernst und Heiterkeit
Es ist außergewöhnlich, dass eine der größten psychiatrischen und psychotherapeutischen Kliniken Deutschlands, das Klinikum Wahrendorff im Großraum Hannover, auf ihrer Homepage den Besuch eines Musicals empfiehlt. Ebenso außergewöhnlich ist es, wenn dem Publikum zu Beginn der Vorstellung mitgeteilt wird, dass ein Team dieses Fachkrankenhauses in der Pause und nach der Vorstellung zur Beratung bereitstehe. So geschehen bei der Premiere von „Stimmen im Kopf“, das in Hildesheim mit Standing Ovations gefeiert wird. Seit der Uraufführung vor 13 Jahren in der Neuköllner Oper hat dieses Stück des Erfolgsduos Peter Lund (Text) und Wolfgang Böhmer (Musik) nichts an Aktualität und bewegender Wirkung verloren.
Nadine (Annemarie Purkert) wird von inneren Stimmen getrieben. Deswegen hat ihre Mutter (Silke Dubilier) sie in eine psychiatrische Einrichtung gebracht. Ihr Verlobter Lars (Ömer Örgey) versucht mit aller Macht, nun auch mit Hilfe der Mutter, sie wieder nach Hause zu holen. Das misslingt aber gründlich, weil Nadine in der Klinik zu sich selbst findet, auch durch die innige Begegnung mit Phillipp (Lorin Goltermann), einem anderen psychisch erkrankten Patienten. „Können wir mit der Krankheit leben?“, fragen sich die beiden am Ende zärtlich zögernd. Das Schlussbild gibt die positive Antwort: Der bis dahin dunkle Bühnenhorizont wird strahlend weiß, das Gitter eines Klinikbettes, wie eine Sperre wirkend, kippt krachend aus dem Rahmen und öffnet den Weg ins Licht. Vor dem strahlenden Gegenlicht sieht man Nadines und Phillipps Silhouetten dicht beieinander, hinter sich, ebenfalls nur als Silhouetten erkennbar, das ganze Ensemble. Großes Kino als Finale.
Regisseurin Annika Dickel ist ein Glücksfall. Bei ihr vereinen sich Erfahrungen als professionelle Tänzerin mit einem unglaublichen szenischen Einfallsreichtum. Bei „Stimmen im Kopf“ gelingt es ihr, die Balance zwischen Ernst und Komik zu halten. Man spürt, dass sich das gesamte Team durch Gespräche und Recherchen mit seelischen Erkrankungen auseinandergesetzt hat. So beeindruckt Annemarie Purkert mit einem bewegenden Wechsel zwischen Normalität und Verzweiflung, wenn die innere Stimme sie treibt. Und Natalie Patricia Friedrich schafft als punkige, drogensüchtige und gendermäßig hin und her schwankende Cora alias Herbert erschreckend brutale, aggressive Ausbrüche. Darstellerisch zwar gekonnt gespielt, aber als Figur von der Regie wohl gewollt überzeichnet, gibt Guido Kleineidam den komplett inkompetenten Arzt, der mit Krankenschwester Eva ein Verhältnis hat (Marion Wulf komödiantisch chargierend zwischen emotionalen Höhen und Tiefen). Auch Jack Lukas als Jamie Grotherjahn und Daniel Wernecke als Daniel agieren in den weiteren Rollen singend und tanzend überzeugend.
Schön veralbert wird der tägliche Morgenkreis, bei dem Jonas Heinle als frommer Zivildienstleistender Hannes Kröger seinen Musiktherapie-Einsatz zu einer amüsanten Parodie macht – das erzeugt viele Lacher im Publikum. Das Bühnenbild aus nichts anderem als mobilen Klinikbettgestellen bietet Moni Gora vielfältige Möglichkeiten, wechselnde abstrakte Räume zwischen Offenheit und beklemmender Enge zu gestalten.
Komponist Wolfgang Böhmer hat seine tolle Musik jeweils dem Lebensalter der Agierenden angepasst. Das Klinikpersonal, Nadines Verlobter und ihre Mutter bekommen besten Broadway-Musical-Sound. Die Patienten, alle deutlich jünger, lässt er Pop und Rock singen. Und er findet sogar für die Momente der inneren Zerrissenheit der Patienten Töne, das ist sehr gekonnt gemacht. Für den Zivi Hannes schreibt er in einer friedlichen Gutenacht-Szene ein zu Herzen gehendes Schlaflied, das einen wunderbaren Ruhepunkt bringt. Andreas Unsicker setzt das alles als musikalischer Leiter mit seiner Band bestens um.
So erlebt man einen Musicalabend, der berührt, der erschütternde Momente hat, zugleich aber beste Unterhaltung bietet: sehr empfehlenswert!
Musikalische Leitung: Andreas Unsicker • Regie und Choreografie: Annika Dickel • Ausstattung: Moni Gora • Dramaturgie: Julia Hoppe • Mit: Annemarie Purkert (Nadine Gerling), Silke Dubilier (Barbara Gerling/Dr. Cordula Stroessner), Marion Wulf (Eva Neuwirth), Natalie Patricia Friedrich (Cora (Herbert) Majowski), Ömer Örgey (Lars Röder), Jack Lukas (Jamie Grotherjahn), Lorin Goltermann (Phillipp Bröking), Guido Kleineidam (Dr. Stefan Thomsen), Jonas Heinle (Hannes Kröger), Daniel Wernecke (Daniel)
Aufmacherfoto: Tim Müller




