
„Dracula“ überzeugt atmosphärisch und emotional
Aus dem Nebel erklingende Stimmen, ein Liebespaar im Abschied – schon die ersten Momente von „Dracula“ markieren im Deutschen Theater München die Tonlage des Abends: Alex Balga inszeniert Frank Wildhorns Musical als Reise an die Bruchlinie zwischen Liebe, Tod und Verhängnis. Die Produktion von ShowSlot ist seit Januar unterwegs und tourt bis 2028 in Deutschland und Österreich.
Sam Madwars zweigeschossiges Bühnenbild sorgt mit wenigen Veränderungen für fließende Ortswechsel. Die Farbpalette von kühlem Blau über tiefes Schwarz bis hin zu expressivem Blutrot verdichtet das Gefühl von Bedrohung kontinuierlich. Michael Grundners Licht setzt harte Hell-Dunkel-Kontraste, in denen Figuren scheinbar aus dem Nichts erscheinen, während Dennis Heises Sounddesign die optische Ebene wirkungsvoll umspielt. Gemeinsam entsteht ein atmosphärisch dichtes Gesamtbild, in dem Horror eher suggeriert als ausgestellt wird: Gewalt und Sexualität bleiben meist angedeutet und entfalten gerade dadurch im Kopf des Zuschauers ihre volle Wirkung.
Irina Hofers Kostüme unterstützen diese Lesart: Die Vampirbräute in scheinbar unschuldigem Weiß, mit raffinierten Schnitten und blutbefleckten Stoffen, schlagen optisch die Brücke zwischen Verführung und Gefahr. Mina und Lucy bewegen sich in detailreich gestalteten viktorianischen Kleidern, die ihre Entwicklung spiegeln – von mädchenhafter Leichtigkeit bis zur inneren Zerrissenheit.
Starkes darstellerisches Fundament bieten vor allem die Hauptrollen: Munja Viktoria Meier trägt den ersten Akt als Lucy mit klar geführter Stimme und sichtbarer Spielfreude; ihre Wandlung von der lebenslustigen jungen Frau zur unheimlichen Verführerin gelingt eindrucksvoll. Herzstück des Abends ist jedoch Jan Ammann als Dracula. Wer an den Ballsaal-Vampir Graf von Krolock denkt, wird zu Beginn melancholisch, doch die Figur schlägt schnell eine andere Richtung ein: Vom ungebändigten Raubtier in „Zu Ende“ bis zum verletzlichen, fast philosophischen Untoten in „Je länger ich lebe“ zeichnet Ammann eine konsequent eigene Interpretation.
Lisa Habermann gestaltet Mina zunächst zurückgenommen und pflichtbewusst, mit warmen tieferen Tönen. Je stärker sie in Draculas Bann gerät, desto mehr brechen Begierde und innerer Konflikt durch. Marius Bingel liefert einen soliden Vampirjäger Van Helsing, der dem Übernatürlichen eine wissenschaftliche Note verleiht. Christopher Wernecke überzeugt als verstörter Renfield. Das Männertrio um Arthur, Quincey und Dr. Seward bringt dezente humorvolle Akzente ein und lockert die düstere Stimmung so gelegentlich auf.
Musikalisch dominiert die Ballade, kraftvoll aufgebrochen durch rockig-orchestrale Einsätze der Band, die für Dynamik sorgen – trotz mancher rhythmischer Unschärfen zwischen Ensemble und Musik. Das neue Lied zu Beginn des zweiten Aktes vertieft zwar die Verbindung zwischen Dracula und Mina, fügt sich aber stilistisch noch nicht nahtlos ein.
Natalie Holtoms Choreografie bleibt klug dosiert: nie Selbstzweck, stets dienlich der Szene, besonders in den präzise abgestimmten Bewegungen der stimmlich homogen geführten Vampirbräute. So formt sich ein „Dracula“, der weniger auf Schockeffekte als auf Atmosphäre, Figurenzeichnung und innere Abgründe setzt – und damit genau dort packt, wo Musicalfans am empfänglichsten sind: im Spannungsfeld von großer Emotion und dunkler Faszination.
Musikalische Leitung: Simon Münzmay • Regie: Alex Balga • Choreografie und Co-Regie: Natalie Holtom • Bühne: Sam Madwar • Kostüme: Irina Hofer • Licht: Michael Grundner • Sounddesign: Dennis Heise • Mit: Jan Ammann (Graf Dracula), Lisa Habermann (Mina Murray), Philipp Dietrich (Jonathan Harker), Munja Viktoria Meier (Lucy Westenra), Marius Bingel (Professor Van Helsing), Christopher Wernecke (Renfield), Vincent Van Gorp (Arthur Holmwood), Felix Heller (Dr. Jack Seward), Thomas Schreier (Quincey Morris), Nicole Klünsner (Vampirbraut), Noraleen Amhausend (Vampirbraut), Duygu Yüzbasioglu (Vampirbraut) u.a.
Aufmacherfoto: Nico Moser




