
Lloyd Webbers Klassiker in einer völlig neuen, extravaganten Adaption
„Cats“ – eines der etwas wilderen Meisterwerke von Andrew Lloyd Webber und derart erfolgreich, dass es seit seiner Uraufführung 1981 weltweit unzählige Male gezeigt wurde – spaltet das Theaterpublikum seit jeher. Die einen genießen es in vollen Zügen, die anderen tun das Katzenmusical (basierend auf den 1939 von T.S. Eliot verfassten Gedichten im „Old Possum’s Book of Practical Cats“) als Schund ab. Tatsache bleibt, dass es trotz dieser unterschiedlichen Meinungen in all den vielen Formaten, in denen es präsentiert wurde, stets ein riesiges Publikum angezogen hat – mit Ausnahme seiner katastrophalen Verfilmung …
Die neue Fassung von Zhailon Levingston und Bill Rauch läuft unter dem Titel „Cats: The Jellicle Ball“ und stellt den Ansatz früherer Bühnenadaptionen ziemlich auf den Kopf. Bei seiner mit Spannung erwarteten Rückkehr an den Broadway wird das Musical zu einer ekstatischen Feier queerer Aufrichtigkeit und transgeschlechtlicher Lebensrealitäten; die extravagante Inszenierung wird sicher noch viele Jahre auf der Bühne zu sehen sein. Die Show spielt in einem queeren New Yorker Disco-Club, grandios ausgestaltet von Rachel Hauck. Die Handlung folgt getreu der ursprünglichen Geschichte mitsamt ihrer zahlreichen Musiknummern, entfernt sich jedoch in vielerlei Hinsicht auch davon, was sie ganz außergewöhnlich originell macht und ihr neue Aspekte verleiht. Wo sich die Erzählung zuvor um Momente der Freude und Traurigkeit kristallisierte, explodiert sie nun in völlig ungezügelter Euphorie als Tanzwettbewerb, bei dem die Ensemblemitglieder auf der Bühne und im Auditorium herumrennen, die Zuschauer (von denen manche auf der Bühne sitzen) überraschen und mitten in den Hokuspokus hineinziehen, der sich auf der Szene entwickelt.
Die Darstellenden treten größtenteils in den funkelnden Kostümen von Qween Jean statt in den gewohnten, seltsamen Katzenfellen auf. Sie agieren mit solch großer Begeisterung und so voller Leben, dass die Atmosphäre der Aufführung durchweg völlig überschwänglich bleibt. Durch die extravagante und oft verblüffende Choreografie von Omari Wiles und Arturo Lyons wirken die Auftritte noch schillernder.
Das für diesen Anlass gecastete Ensemble sorgt tatsächlich für eine Ausgelassenheit, wie man sie am Broadway selten erlebt – vor allem mit drei großartigen Hauptdarstellenden: André De Shields ist Old Deuteronomy und war zuletzt in „Hadestown“ zu sehen, wofür er einen Tony Award gewann. Junior LaBeija spielt Gus, den Theaterkater; er ist bekannt als der Moderator aus dem Ballroom-Dokumentarfilm „Paris brennt“ von 1990. Die Trans-Schauspielerin und Ballroom-Berühmtheit „Tempress“ Chasity Moore singt und spielt Grizabella, die Glamour-Katze, deren Darbietung von „Memory“ nach wie vor zu den Höhepunkten der Show gehört. Zur Seite steht den dreien eine glänzende Besetzung: etwa Nora Schell als Bustopher Jones, die – gelegentlich halbnackt – sehr oft auf der Bühne steht; des Weiteren Dudney Joseph Jr. als Munkustrap, Sydney James Harcourt als Rum Tum Tugger, Bebe Nicole Simpson als Demeter, Jonathan Burke als Mungojerrie, Emma Sofia als Skimbleshanks, Dava Huesca als Rumpleteazer, Robert „Silk“ Mason als Magical Mister Mistoffelees und die verführerische Leiomy als Macavity. Sie alle überzeugen vollkommen in ihren jeweiligen Auftritten.
Auch wenn diese neu interpretierte und überarbeitete Version von „Cats“ aufgrund ihrer Aufmachung in erster Linie wohl die queere Szene ansprechen wird, dürfte sie sicherlich als eines der besten Beispiele für die Wiederbelebung des Musicals für kommende Generationen in die Ewigkeit eingehen. Zweifellos wird „The Jellicle Ball“ an der 18-jährigen Laufzeit des Originals am Broadway kratzen. Angesichts der derzeitigen angespannten Lage an so vielen Orten der Welt ist dieses Musical einfach eine tolle Möglichkeit, im Theater zur Ruhe zu kommen und sich etwas wunderbar Unterhaltsames und Vergnügliches anzusehen.
(Übersetzung: Angela Reinhardt)Music Supervision und Musikalische Leitung: William Waldrop • Regie: Zhailon Levingston und Bill Rauch • Choreografie: Omari Wiles und Arturo Lyons • Bühne: Rachel Hauck • Kostüme: Qween Jean • Projektionen: Brittany Bland • Licht: Adam Honoré • Sounddesign: Kai Harada • Haar- und Perückendesign: Nikiya Mathis • Make-up-Design: Rania Zohny • Dramaturgie und Gender-Beratung: Josephine Kearns • Mit: André De Shields (Old Deuteronomy), Ken Ard (DJ Griddlebone), Kya Azeen (Etcetera), Bryson Battle (Jellylorum), Jonathan Burke (Mungojerrie), Baby Byrne (Victoria), Sydney James Harcourt (Rum Tum Tugger), Dava Huesca (Rumpleteazer), Dudney Joseph Jr. (Munkustrap), Junior LaBeija (Gus the Theatre Cat), Leiomy (Macavity), Robert „Silk“ Mason (Magical Mister Mistoffelees), „Tempress“ Chasity Moore (Grizabella), Primo Thee Ballerino (Tumblebrutus), Xavier Reyes (Jennyanydots), Nora Schell (Bustopher Jones), Bebe Nicole Simpson (Demeter), Emma Sofia (Cassandra/Skimbleshanks), Garnet Williams (Bombalurina), Teddy Wilson Jr. (Sillabub) u.a.
Aufmacherfoto: Matthew Murphy and Evan Zimmerman for MurphyMade




