20596 onthetown 16 hpo foto jochen quast 349 | MUSICAL TODAY

On the Town

New York, New York!

qi addons for elementor placeholder | MUSICAL TODAY
oRT
Deutsche Oper am Rhein
von
Leonard Bernstein (Musik)
Betty Comden und Adolph Green (Buch und Liedtexte)
Jens Luckwaldt (Deutsche Dialoge)
Regie
Louisa Proske
Uraufführung
1944

Großes Kino für Bernsteins „On the Town“

Dass die Deutsche Oper am Rhein in Duisburg und Düsseldorf zwei Häuser mit jeweils eigenem Orchester und einem der weltweit größten Solistenensembles bespielt, ist schon etwas Außergewöhnliches in unserer Theaterlandschaft. Während man in Düsseldorf gespannt auf den Neubau eines multifunktionellen Theaters wartet, stellt man im 1912 entstandenen, neo-klassizistischen Operntempel in Duisburg seine Seelenverwandtschaft zum amerikanischen Musiktheater eindrucksvoll zur Schau: mit einer Inszenierung von Leonard Bernsteins erstem Musical, die sich vor den Show-Qualitäten des Broadway nicht zu verstecken braucht.

„On The Town“ von 1944 fußt auf dem im gleichen Jahr uraufgeführten Ballett „Fancy Free“ des späteren „West Side Story“-Choreografen Jerome Robbins, wozu Bernstein ebenfalls die Musik geschrieben hatte. Während der Inhalt – drei Matrosen ziehen 24 Stunden durch New York – blieb, komponierte Bernstein für das Musical einen völlig neuen Score. Dieser erklingt nun aus dem Orchestergraben, wenn auch die Duisburger Philharmoniker unter Leitung von Stefan Klingele die Mischung aus moderner Klassik und Jazz bisweilen ihrer Swing-Eleganz berauben und allzu schrill herüberkommen lassen.

Als im Prolog ein schwarzer Hafenarbeiter mit sonorem Bass „I Feel Like I’m Not out of Bed Yet“ anstimmt, befürchtet man schon, dass die – der üblichen Zusammenstellung eines Opernhaus-Ensembles geschuldete – Schwerfälligkeit sich auch hier über die Leichtigkeit des Genres legen könnte. Aber dann rocken die drei Matrosen Ozzie (Peter Lewys Preston), Chip (Julius Störmer) und Gabey (Leon de Graaf) die Szenerie, trällern mit Inbrunst den Titelsong „New York, New York“, tanzen und steppen fortan wie die Derwische durch ihren 24-stündigen Landgang. Immer auf der Suche nach Ivy (Maria Joachimstaller), jener „Miss U-Bahn des Monats“, in deren Plakat-Konterfei sich Gabey verliebt hat. Chip lernt bei seinem Trip durch die Millionenstadt die selbstbewusste Taxifahrerin Hildy (Laura Magdalena Goblirsch) kennen, die ihn gleich in ihre Wohnung abschleppt („I Can Cook Too“). Und Ozzie trifft im Museum die Anthropologin Claire (Valerie Luksch), die eigentlich mit dem viel älteren Pitkin W. Bridgework (allzu opernhaft: Peter Bording) verlobt ist, aber immer noch gerne die Männer „studiert“. Gabey findet schließlich seine „Traumfrau“ – und beide verabreden sich um 23 Uhr am Time Square. Doch ihre Gesangslehrerin Madame Dilly (urkomisch: Morenike Fadayomi) erinnert sie an ihren Job in einem Nachtclub. So machen sich Gabey und seine beiden Kumpels mit Anhang auf den Weg durch das nächtliche Coney Island …

Die sechs jungen Darstellerinnen und Darsteller der drei sich für einen Tag findenden Pärchen – allesamt Gäste – sind ein wahrer Glücksgriff. Unter der straffen und einfühlsamen Regie der (auch) Musical-erfahrenen Louisa Proske (u.a. „Into the Woods“ und „Gypsy“ in Halle) bringen sie Spiel, Tanz und Gesang in einen harmonischen Zusammenhang und geben dem Musical, was des Musicals ist. Dass alles so perfekt leichtfüßig herüberkommt, liegt auch an den einfallsreichen und fetzigen Choreografien der bei großen Meistern (u.a. Donald O’Connor, Savion Glover) in die Lehre gegangenen Marie-Christin Zeisset, die vor allem dem hier wenig gepflegten (und oft auch nicht gekonnten) Stepptanz ihre Reverenz erweist.

Der heimliche Star dieser grandiosen Inszenierung ist aber das Bühnenbild von Momme Hinrichs, der das Publikum mit Videoprojektionen im Stil des avantgardistischen „Laterna Magika“-Theaters mit einem Yellow Cap – sinnlich erfahrbar – durch die Häuserschluchten Manhattans und durch einen U-Bahn-Tunnel fahren lässt. Und mit seinen an filmische Auf- und Abblenden erinnernden Szenenwechseln großes Kino auf die von Einfällen und Spiellust übersprudelnde Bühne bringt. Chapeau für einen genialen Musicalabend!


Musikalische Leitung: Stefan Klingele • Regie: Louisa Proske • Choreografie: Marie-Christin Zeisset • Bühne: Momme Hinrichs • Kostüme: Esther Bialas • Licht: Amith Chandrashaker • Dramaturgie: Heili Schwarz-Schütte • Mit: Leon de Graaf (Gabey), Julius Störmer (Chip), Peter Lewys Preston (Ozzie), Maria Joachimstaller (Ivy Smith), Laura Magdalena Goblirsch (Hildy Esterhazy), Valerie Luksch (Claire de Loone), Morenike Fadayomi (Madame Dilly), Peter Bording (Pitkin W. Bridgework/Moderator) u.a. • Statisterie der Deutschen Oper am Rhein • Duisburger Philharmoniker

Aufmacherfoto: Jochen Quast

Spielorte

Archiv