
Mit „Alice“ bietet das Junge Staatstheater eine gelungene Teamleistung
Nach „Emil und die Detektive“, „Peter Pan“ und „School of Rock“ setzt das Junge Staatstheater Kassel seine Musicalreihe mit dem Kinder- und Jugendchor CANTAMUS auch 2026 fort – diesmal im Schauspielhaus auf dem Programm: „Alice“ frei nach Lewis Carroll.
Das Besondere: Bis auf Nora Quest und Philipp Staschull (als Tante und Onkel bzw. späteres Königspaar) werden alle Rollen von fast 50 Kindern und Jugendlichen gespielt und gesungen. Zwei Besetzungen haben sich vorbereitet. Das besonders für Primar- und Sekundarstufe empfohlene Musical von James Leisy und Carl Eberhard wird in der Übersetzung von Roman Hinze gespielt. Herausgekommen ist eine sehenswerte Gesamtleistung, auf die alle Beteiligten stolz sein können. Die rund 80 Minuten bieten viel Spaß, eine abwechslungsreiche Inszenierung und vor allen Dingen eine gesangliche Topleistung.
Das Stück stellt ganz nebenbei die großen Fragen des Lebens und wirbt für Zusammenhalt, dass man es gemeinsam schaffen kann. Das erlebt man nicht nur im Stück, sondern im Kraftakt dieser Produktion. Es ist deshalb schwer, bei so einer Gesamtleistung Einzelne besonders zu würdigen, zumal nur eine der beiden Gruppenpremieren besucht wurde. Keyan Ramic ist ein tolles Weißes Kaninchen, Mark Reingardt (Raupe), Lucca Samjouel Müller (Greif) und Swaantje Schwalm (Suppenschildkröte) bieten überzeugende Einzeldarstelllungen, Clara Lencastre überzeugt als Grinsekatze nicht nur mit Dauerlächeln, sondern auch toller Stimme. Die bietet auch Helena Pape als Alice mit viel Ausstrahlung in Stimme und Schauspiel.
Annika Derlin vollbringt als Chorleitung Großartiges. Ihr gelingt, dass die solistischen Songs von großer Individualität geprägt und die chorischen Stellen gleichzeitig immer wieder mehrstimmig sauber und gekonnt zu hören sind. Respekt! Dazu trägt auch das kleine Orchester unter der Leitung von Peter Schedding bei. Das hört sich nicht nur gut an, sondern der Blick auf den Kontakt zwischen Graben und Bühne zeigt, wie intensiv hier gearbeitet wurde und wie das Orchester die Cast sicher trägt.
Die Choreographie von Nele Neugebauer ist eine Wucht. Die Kinder und Jugendlichen haben Bewegungen und Tanzschritte tief verinnerlicht und sichtbar Freude an den vielfältigen Ideen. Die Bühne von Vincent Stephan Großer versucht mit einer kippbaren Bühne, Zügen, roll- und drehbaren Türen, Hausfassaden und wenigen Requisiten Bühnenzauber zu ermöglichen. Beim Licht von Brigitta Hüttmann hätte man sich hingegen mehr Mut zur klaren Farbe gewünscht. Victoria Koberstein hat dezente Videoprojektionen eingefügt, die auf Bildschirmen oder per Beamer ins Bühnenbild integriert sind. Die Kostüme von Anna Rudolph bieten eine gute Mischung aus Bebilderung und Verfremdung. Klar, das Ferkel ist rosa, ohne den umwerfend spielenden Bela Harder einfach nur in ein Tierkostüm zustecken.
Marlene Pawlak führt alle Fäden in bewährter Regie zusammen. Die Herausforderung gelingt, die unterschiedlich alte Cast immer wieder zum richtigen Zeitpunkt an die richtige Stelle zu bringen, denn das gesamte Team hat immer wieder Auftritte, hilft an Umbauten mit und hat viel zu tun. Ihr gelingt es, dass authentische Musicalstimmung aufkommt. Verbesserungswürdig hingegen das Timing am Anfang und Ende. Die ersten 11 Minuten verstreichen mit wenig Schwung, stattdessen gibt es Pantomime, die die Skurrilität von Tante und Onkel zeigt, etwa wie sie geschäftig Erinnerungen ins Smartphone diktieren. Erst dann träumt sich Alice per Video in eine Familien-Idylle. Die Reprise, dass Alice am Ende in der Wohnung die Quiche wieder vermeintlich zu salzig kocht und mit Blick auf das Zitat der Köchin im Wunderland im Gegenteil noch mehr salzt, kommt sehr abrupt nach einem schönen musikalischen Finale.
Musikalische Leitung: Peter Schedding • Regie: Marlene Pawlak • Choreografie: Nele Neugebauer • Bühne: Vincent Stephan Großer • Kostüme: Anna Rudolph • Video: Victoria Koberstein • Licht: Brigitta Hüttmann • CANTAMUS-Chorleitung: Annika Derlin • Künstlerische Produktionsleitung: Ann-Kathrin Franke und Barbara Frazier • Dramaturgie: Bernadette Binner und Teresa Martin • Mit: Nora Quest (Königin/Tante Tamara), Philipp Staschull (König/Onkel Gernot), Helena Pape (Alice), Keyan Ramic (Weißes Kaninchen), Mark Reingardt (Raupe), Alina Moch (Zwiddeldum), Juno Glück (Zwiddeldei), Clara Lencastre (Grinsekatze), Anna Huss (Herzogin), Charlotte Geismann (Köchin), Marie Pfannschmidt (Faselhase), Eric Kollien (Murmeltier), Swaantje Schwalm (Suppenschildkröte), Lucca Samjouel Müller (Greif), Alva Glück (Hund), Johanna Pietsch (Froschlakai), Ben Kentsch (Krötenlakai), Anna Tapu (Fischlakai), Jonna Timm (Krakenlakai), Bela Harder (Ferkel), Marta Kazan (Papagei), Maja Kunz (Dodo), Mina Reimann (Krabbe), Juna Kever (Adler), Luana Kehl (Maus) • Kinder- und Jugendchor CANTAMUS • Staatsorchester Kassel
Aufmacherfoto: Isabel Machado Rios




