
Fulminante Uraufführung von „Simsalabim – Das magische Leben des Dr. Schreiber“
Gloria zersägt, Hitler begeistert, einen jüdischen Freund verraten, das Publikum verzückt: Helmut Schreiber ließ es auf der Bühne mit seinem international gefeierten Illusionstheater richtig krachen. Jenseits der Kulissen diente er sich dem Führer und seiner Entourage an, buhlte verbissen um Anerkennung. Nach 1945 klitterte er den heiklen Imperfekt und erntete Starkult bis nach New York – ein jovialer Biedermann und gerissener Brandstifter in Personalunion. Schreiber alias Kalanag zog all diese magischen Register virtuos und genauso rücksichtslos. Fakten und Fiktion verschmolzen zu einem abenteuerlichen Panoptikum zwischen Schuld, Glamour, Reichtum und rasch erfolgter Entnazifizierung. Nach seinem frühen Tod 1963 versank der Ruhm des Zauberers bald im Nebel der Vergessenheit.
Jetzt holt ihn die Staatsoperette Dresden wieder ins Licht. „Simsalabim – Das magische Leben des Dr. Schreiber“ heißt das Musical von Elena Kats-Chernin (Musik), Dirk Laucke (Buch) und Liedtexter Martin G. Berger. Es geht sehr ambitioniert ein diffiziles Thema an, greift auch zu moralischen Fragen, will zugleich unterhalten und persönliche Haltungen auf den Prüfstand stellen.
Die Musik ist sensationell. Die australische Komponistin Elena Kats-Chernin entwickelt einen ganz eigenen Stil, um den rasant verschlungenen Inhaltssträngen entsprechendes Kolorit zu geben, reiht geschickt Swing an Charleston, Tango an Ballade, eine Stepp-Nummer an Marschtöne, besticht durch das grandiose Opening mit dem Titelsong und dem zutiefst nachdenklichen Finale mit „Was würden sie tun?“. Ein berührendes Lied, das Implikationen zur aktuellen Lage in Deutschland anreißt. Der Sound reicht manchmal Cole Porter, John Kander oder Jules Styne die Hand, bleibt aber stets souverän auf eigenen Füßen. Michael Ellis Ingram am Pult lotet die Orchestrierung von Frank Hollmann mit dem Orchester der Staatsoperette exzellent aus und drückt der facettenreichen Partitur einen wunderbaren, knackigen Klang-Stempel auf.
Autor Dirk Laucke füllt das Werk mit Zeitsprüngen, meist nur kurz aufleuchtenden Momenten und enormer Handlungsdichte. Dabei verliert er nie den Faden, sortiert mit Übersicht und streut spektakuläre Zauberkunststücke ein. Am Schluss, in der Stummfilm-Szene oder im ersten Teil wären leichte Kürzungen denkbar, Schreibers üble Verstrickung in die braune Diktatur hätte dagegen noch etwas mehr Gewicht vertragen. Äußerst gelenkig und witzig pointiert sind die Liedtexte von Martin G. Berger. Eine hoch anspruchsvolle Vorlage, die Regisseur Matthias Reichwald ideenreich und klug arrangiert zum Leben erweckt. Das fulminante Bühnenbild von Jelena Nagorni und Uwe Münnichs Lichtdesign garantieren optische Reize, ebenso die ausgeklügelte Choreografie von Gabriel Pitoni und Tanja Liebermanns geschmackssichere Kostüme.
Es ist permanent zu spüren: Hier wirft sich das gesamte Ensemble mit pulsierender Hochspannungs-Energie in das Projekt, vom Kinderchor bis zum Ballett, alle Solisten inklusive. Drei ragen heraus: Gero Wendorff als jüdischer Freund Max, Sybille Lambrich als zunehmend selbstbewusste Ehefrau Anneliese alias Gloria und Marcus Günzel in der komplexen Rolle des Helmut Schreiber schaffen immer wieder packende Gänsehaut-Augenblicke jenseits der glitzernden Show-Effekte und machen Ambivalenzen deutlich, gipfelnd im letzten Teil, einem Riesenmonolog des bitter vereinsamten Stars. Einige Sequenzen oder Charakterzüge hätten sogar noch schärfer akzentuiert werden können, zum Beispiel die cholerischen, machtbeflissenen Attitüden der Hauptfigur.
„Broadway in Dresden“ wirbt das Programm der Staatsoperette ziemlich kühn. Mit dieser Uraufführung wird das Versprechen mit Nachdruck erfüllt. „Simsalabim“ besitzt entscheidende Qualitäten für den Export ins Musical-Epizentrum. Das Publikum jubelt.
Musikalische Leitung: Michael Ellis Ingram • Regie: Matthias Reichwald • Choreografie: Gabriel Pitoni • Bühne: Jelena Nagorni • Kostüme: Tanja Liebermann • Licht: Uwe Münnich • Sounddesign: Martin Wingerath • Chorleitung: Thomas Runge • Leitung Kinderchor: Carola Rühle-Keil • Dramaturgie: Kathrin Kondaurow und Judith Wiemers • Mit: Marcus Günzel (Helmut Schreiber alias Kalanag), Sybille Lambrich (Anneliese alias Gloria), Gero Wendorff (Max), Dimitra Kalaitzi (Ruth/Brigitte I), Christian Grygas (Magier Thorn), Silke Richter (Trümmerlotti u.a.), Timo Schabel (Soldat Johnny/Magier Bellachini u.a.), Andreas Sauerzapf (Stabsarzt/Magier Houdini u.a.), Tobias Zepernick (Magier Marvelli u.a.), Elmar Andree (Vater Schreiber/Magier Hanussen u.a.), Jeannette Oswald (Sekretärin Marie/Mutter Schreiber u.a.), Nina Kemptner (Kastellan/Artistin u.a.), Vladislav Vlasov (Hans, ein Heldendarsteller u.a.) u.a. • Ballett, Chor, Kinderchor und Orchester der Staatsoperette Dresden
Aufmacherfoto: Lutz Michen




