
Lloyd Webbers Rockoper in klassischer Kulisse und modernem Gewand
Zu den 33. DomStufen-Festspielen präsentiert das Theater Erfurt mit „Jesus Christ Superstar“ einen Klassiker der internationalen Musicallandschaft. Regisseur Peter Lund schafft eindrucksvolle Bilder und zeigt auf, wie Jesus unter den Erwartungen der Menschen leidet. Seine Anhänger fangen ihn mit roten Bändern ein, in denen er sich verstrickt und schließlich zu Fall kommt. Der Auftritt von Soldaten und Führerfiguren bildet ab, wie die Botschaften Jesu über die Jahrhunderte hinweg missbraucht wurden, um sogar Völkermord zu legitimieren.
Die Inszenierung beginnt mit einem Krippenspiel. Jesu Alter Ego wird aus einem mit Blaulicht vorfahrenden Krankenwagen gestoßen. Verstört sieht er auf die Legende rund um seine Geburt und flüchtet schließlich. Beim späteren Einzug in Jerusalem schaut Jesus, den Lukas Mayer sehr menschlich darstellt, seinem Doppelgänger zunächst zu, wie er sich vom Volk feiern lässt. Ab Judas’ Verrat verschwimmen das Idol und der Mensch Jesus, der sich seinem Schicksal widerstandslos ergibt.
Ulrike Reinhardt lässt mit der Auswahl der Kostüme die rund 100 Mitwirkenden auf der Bühne in teils schrillen Farben, vornehmlich Türkis, und großen Mustern auftreten – ausgenommen sind die Hauptfiguren rund um Jesus sowie seine Gegner. Diese fügen sich ohne starke Farbakzente optisch gut in die Kulisse der Erfurter Domstufen und das Bühnenbild von Hank Irwin Kittel ein. Sieben riesige Bilderrahmen schaffen Räume und bieten Möglichkeiten für Projektionen, die davon zeugen, was inhaltlich von den letzten sieben Tagen Jesu irdischen Wirkens übriggeblieben ist. Untertitel beschreiben mit wenigen Worten die dargestellten Szenen.
Mehr als einmal stellt sich die Frage, wer oder was aus dem sprichwörtlichen Rahmen fällt: Die Choreografien von Bart De Clercq wirken dynamisch, wenn die Jünger den unbedingten Willen aufzeigen, etwas zu bewegen, während Jesus zunehmend hin- und hergeschoben und immer weniger als Kopf der Gruppe wirkt. Die Ältesten um Hohepriester Kajaphas (Aaron Eunhyuk Lee) wirken linkisch in ihren Bewegungen und wie Parodien ihrer selbst.
Apropos entrückt: Das Philharmonische Orchester Erfurt spielt unter der Leitung von Clemens Fieguth der Vorstellung aus dem 500 Meter entfernten Theater Erfurt zu. Der Sound wird per Glasfaser übertragen, doch der Wind trägt ihn am Premierenabend manchmal an der Tribüne vorbei. Dafür lässt die deutsche Fassung von Timothy Roller die Inszenierung sprachlich frisch und sehr direkt wirken; ganz im Sinne des Songs „Was geht ab?“.
In Sachen Cast setzt man auf bewährte Rollenmatches, die aus der Nürnberger Inszenierung bekannt sind: Lukas Mayer als Jesus und Til Ormeloh als Judas. Obwohl das Stück von der Entfremdung der Freunde erzählt, wirken sie jedoch stets subtil miteinander verbunden. Mit leidenschaftlichem Spiel und gesanglich wuchtig wütet Ormeloh über die Stufen, bis er schließlich bereut und verzweifelt. Dieser Judas wirkt innerlich so sehr zerrissen, dass das Publikum ihm den Verrat verzeiht. Mayer nutzt seine facettenreiche Stimme und zeichnet mal ganz zart und verletzlich, mal treffend schrill und mit kraftvollem Ausdruck die Emotionen der Titelfigur nach. Er verleiht seinem Jesus Güte. Vor allem während des zweiten Aktes kommt neben seiner großen stimmlichen Strahlkraft Mayers leidenschaftliches Spiel explosiv zum Tragen.
Katja Bildt umwirbt als Maria Magdalena Jesus mit einer bizarren Mischung aus mütterlicher Liebe und amouröser Zuneigung. Ihre Stimme kommt vor allem bei „Wie soll ich ihn nur lieben?“ zur Geltung. Pontius Pilatus, gespielt von Rainer Zaun, tritt als schräges Abbild Hitlers auf, wirkt durch sein starkes Spiel entgegen der historischen Vorlage jedoch sehr menschlich. Die imposante Inszenierung des Webber-Klassikers wirkt keineswegs aufgewärmt und ist vor allem aufgrund ihrer Denkanstöße absolut sehenswert.
Musikalische Leitung: Clemens Fieguth • Regie: Peter Lund • Choreografie: Bart De Clercq • Bühne: Hank Irwin Kittel • Kostüme: Ulrike Reinhardt • Mit: Lukas Mayer (Jesus), Til Ormeloh (Judas), Katja Bildt (Maria Magdalena), Rainer Zaun (Pontius Pilatus), Máté Sólyom-Nagy (Herodes Antipas), Aaron Eunhyuk Lee (Kajaphas), Jörg Rathmann (Hannas), Kevin Arand (Petrus), Lukas Witzel (Simon Zelotes), Andrea del Solar (Soul Girl I), Antonia Wortberg (Soul Girl II), Lisa Maria Hörl (Soul Girl III)
Aufmacherfoto: Theater Erfurt/Lutz Edelhoff




