
Die Hitler-Satire „Er ist wieder da“ wird zum Musical
Was, wenn Adolf Hitler im Deutschland der Gegenwart plötzlich wieder erwachen würde? Mit diesem Gedankenspiel stürmte Timur Vermes’ Roman „Er ist wieder da“ 2012 die Bestsellerlisten, kurz darauf folgte der gleichnamige Kinohit. Ein Jahrzehnt später sind radikale Tendenzen wieder derart konsensfähig geworden, dass man sich unweigerlich die Frage stellt: Gibt es überhaupt noch eine Leerstelle, die Hitler für sich beanspruchen könnte? Das Theater für Niedersachsen hat die bissige Satire jetzt zum Musical gemacht und ins Jahr 2026 verlegt – „Politik-Verdrossenheit wie damals in Weimar“, stellt der aus der Zeit gefallene Diktator zufrieden fest.
Eine Scherenschnitt-Skyline Berlins schwebt im Hintergrund, davor sorgen fahrbare Wände und Module in Einheitsgrau (Ausstattung: Beata Kornatowska) für schnelle Verwandlungen, um die Schauplätze des Medienunternehmens „Flashlight Productions“ zu skizzieren. Das liest den „Reichskanzler a. D.“ von der Straße auf und hält ihn für das beste Hitler-Imitat aller Zeiten. Mit der Show „Führer & Follower“ mischt er die Unterhaltungsindustrie auf, provoziert BILD-Schlagzeilen und nutzt das „Internetz“, um seine menschenverachtende Ideologie einmal mehr unters Volk zu bringen. Das fühlt sich glänzend unterhalten – und ebnet mit Likes, Zugriffszahlen und Selfies den Weg zum erneuten Aufstieg …
Ein Stoff wie gemacht für das Theater – nur leider nicht unbedingt für das Musical. Der Score von Jack Woodhead zieht seine Inspiration aus Kabarett und Vaudeville der 1920er/30er, vom traditionellen Broadway-Sound bis zur Disco. Das ist durchaus kunstvoll gebaut und von einer fünfköpfigen Band um Andras Unsicker sauber musiziert, allerdings auch sperrig, schwerfällig und ohne erkennbare Seele. Eine Satire darf und muss gerade bei einem solch heiklen Stoff auf den Punkt „catchen“, auf einen Ohrwurm wartet man aber vergebens, das Stück plätschert etwas verloren vor sich hin.
Daran ändert auch die Bühnenfassung nichts, die Romanautor Timur Vermes unter Mitwirkung von John Havu (Buch) und Mark Wartenberg (Liedtexte) erarbeitet hat. Das Problem: Während man im Original durchgehend Hitlers ebenso unsäglichem wie skurrilem Bewusstseinsstrom ausgesetzt ist und die Verfilmung Hauptdarsteller Oliver Masucci seinerzeit in Diktator-Montur auf überraschend direkte O-Ton-Jagd durch Deutschland schickte, verharrt das Musical über weite Strecken im Kosmos von „Flashlight Productions“. Dadurch kreist der Abend fast ausschließlich um die Charaktere im Fahrwasser des „Führer & Follower“-Erfolgsrauschs – und verwässert letztendlich den dramaturgischen Kern. „Er ist wieder da“ hat eine reine Spieldauer von 2 Stunden und 15 Minuten, fühlt sich aber nach Überlänge an. Wahrscheinlich auch deshalb, weil man auf Nebenschauplätzen verharrt und sich vor gesellschaftspolitischem Zündstoff drückt, der in Zeiten von AfD, Linken und Co. Tag für Tag mehr unter den Nägeln brennt.
Im Schauspiel wäre der Stoff wohl besser aufgehoben gewesen. Ihre stärksten Momente hat die Hildesheimer Uraufführung nämlich dann, wenn Guido Kleineidam in der Titelrolle auftritt – ganz ohne Gesang, als „schwarzes Loch des Narzissmus“, wie im Vorfeld angekündigt. Ob Mimik, Gestik oder Diktion: Kleineidam hat sich die historische Vorlage rundum überzeugend angeeignet. Regisseurin und Choreografin Annika Dickel verpackt das in schlüssige, energetische, wenn auch relativ unspektakuläre Bilder. Umkreist wird Kleineidam dabei von einem neunköpfigen Ensemble, das sich alles in allem souverän schlägt, wenn die Partitur auch bis auf ein, zwei Songs kaum Raum zum Glänzen bietet. Aufhorchen lässt Melisa Melek Özel als von Hitler aus dem Rampenlicht verdrängte Entertainerin Aylin Witzgür, die vom zerbrechlich-sensiblen Moment bis zum beltenden Ausraster die ganze Klaviatur ihrer Rolle beherrscht.
Am Ende steht das „Internetz“ Kopf: Was, wenn er es tatsächlich ist? Das Musical mündet in einem Fiebertraum („Wir sind von Kopf bis Fuß im vollen Hitler-Groove“), die Konsequenzen werden der Fantasie überlassen. Lohnt sich „Er ist wieder da“ für interessierte Bühnen? Der Titel zieht – das Stück leider nur bedingt.
Musikalische Leitung: Andreas Unsicker • Regie und Choreografie: Annika Dickel • Ausstattung: Beata Kornatowska • Dramaturgie: Julia Hoppe • Mit: Guido Kleineidam (Adolf Hitler), Marion Wulf (Carmen Bellini), Daniel Wernecke (Joachim Sensenbrink), Annemarie Purkert (Vera Krömeier), Lorin Goltermann (Frank Sawatzki), Melisa Melek Özel (Hazal Özlem/Aylin Witzgür/Frau Hassan), Timon Meert (Verkäufer), Jonas Heinle (Bodusho/Kevin), Lea Gordin (Frita), Silke Dubilier (Frau Fromm/Pauline)
Aufmacherfoto: Tim Müller




