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Chicago

All That Jazz

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oRT
Volksoper Wien
von
John Kander (Musik)
Fred Ebb und Bob Fosse (Buch)
Fred Ebb (Liedtexte)
Erika Gesell und Helmut Baumann (Deutsche Dialoge)
Regie
Lotte de Beer
UraufführunG
1975

Der Musicalklassiker „Chicago“ lebt neu auf

Es vergeht weniger als eine Viertelstunde, bis der erste Mann stirbt: Roxie Hart erschießt ihren Geliebten, weil er sie verlassen will. Im Gefängnis trifft sie auf Gleichgesinnte, u.a. die Vaudeville-Künstlerin Velma Kelly, die ihre Schwester und ihren Ehemann ermordete. Die beiden Frauen liefern sich einen gnadenlosen Konkurrenzkampf um Aufmerksamkeit: Keine der Mörderinnen bereut ihre Tat, im Gegenteil – mithilfe des durchtriebenen Anwalts Billy Flynn versuchen sie durch Schmiergeld und geschicktes Füttern einer sensationsgeilen Boulevardpresse, wortwörtlich den Kopf aus der Schlinge zu ziehen.

Es ist keine schöne Liebesgeschichte, die Fred Ebb und Bob Fosse in den 1960ern als Musicalstoff wählten. Ihre Grundlage war ein Theaterstück aus dem Jahr 1926. Die Journalistin Maurine Dallas Watkins verarbeitete darin zwei Mordprozesse: Frauen wurden zu Mörderinnen und die Gerichtsprozesse gerieten zu wahren Medienspektakeln. Gemeinsam mit dem Komponisten John Kander entwickelten Ebb und Fosse ein Musical, das 1975 am Broadway startete und heute als einer der großen Klassiker gilt. Verständlich, denn Musik und Liedtexte sind brillant, manche Songs wie „All That Jazz“ haben schon lange ihren Platz in der Musikgeschichte gefunden.

Ist es für das Publikum beinahe unerträglich, Gewalt und Brutalität verpackt in mitreißende Melodien zu erleben? Ja, ist es! Doch versteht sich das Musical selbstverständlich als Satire, und die Regiearbeit von Lotte de Beer lässt keinen Zweifel daran, worum es geht: Korruption bringt die Justiz ins Wanken, die Presse befeuert Vorverurteilungen und Menschen töten andere, anstatt mit Worten Konflikte zu lösen. Die Intendantin der Volksoper macht deutlich, dass kein glamouröses Revuestück, sondern gesellschaftlich relevanter Stoff auf die Bühne gebracht wird.

Um noch eines draufzusetzen, überlässt sie die (neue) Rolle des Conférenciers drei Kindern. Ungern hört man Brutales aus Kindermund. Die Bühne (Christof Hetzer) dreht sich in Schwarz und Grau, die Kostüme (Jorine van Beek) sind schäbig – das hilft dem Publikum, die verführerischen Jazzklänge mit den fragwürdigen moralischen Beweggründungen der Protagonisten in Einklang zu bringen. Die gelungene Regie wird durch die hochprofessionelle Choreografie (Arielle Smith) perfektioniert. Jeder Schritt sitzt, jedes hochgeworfene Bein ist bis zu den Zehenspitzen angespannt. Dass vor allem den beiden Darstellerinnen in den Hauptrollen während ihrer Tanzeinlagen nicht die Luft ausgeht, ist bewundernswert.

Allen voran spielt Bettina Mönch die Rolle der Roxie Hart nicht nur gesanglich überzeugend, sondern gestaltet diese auch in vielen Facetten – von hilflos bis traurig, egoistisch bis manipulativ. Als Gegenspielerin agiert Myrthes Monteiro als Velma Kelly nicht weniger brillant. Auch ihr gelingt jeder Spagat mühelos, sie verkörpert die raue Welt des nicht immer glamourösen Showbiz glaubwürdig und mit kräftiger Stimme. Lionel von Lawrence gibt den schmierigen Anwalt Billy Flynn mit Charme und Kalkül. Ursula Pfitzner absolviert als Mary Sunshine einen großen Auftritt und Jakob Semotan avanciert in der Rolle des unbeholfenen Ehemanns zum Publikumsliebling. Umwerfend ist Katia Ledoux in der Rolle der Mama Morton. Die Mezzosopranistin hat für diese Rolle eigens an ihrer Gesangstechnik gearbeitet, um die Anforderungen von Jazz- und Musicalgesang mit Mikrofon zu meistern.

Die musikalische Leitung hat Maayan Franco inne, der das Orchester der Volksoper zu Höchstleistungen anspornt. Auch Ballett und Ensemble tragen wesentlich zum Erfolg des Abends bei. Als der Vorhang endgültig fällt und das begeisterte Premierenpublikum ausgiebig gejubelt hat, greifen die Musiker noch einmal zu ihren Instrumenten. So mancher Zuschauer tanzt beschwingt aus der Volksoper.


Musikalische Leitung: Maayan Franco • Regie: Lotte de Beer • Choreografie: Arielle Smith • Bühne: Christof Hetzer • Kostüme: Jorine van Beek • Licht: Alex Brok • Stunt Coordinator: Ran Arthur Braun • Sounddesign: Andrejs Zarenkovs • Choreinstudierung: Roger Díaz-Cajamarca • Dramaturgie: Lisa Kerlin • Mit: Myrthes Monteiro (Velma Kelly), Bettina Mönch (Roxie Hart), Lionel von Lawrence (Billy Flynn), Jakob Semotan (Amos Hart), Katia Ledoux (Mama Morton), Ursula Pfitzner (Mary Sunshine), Maura Oricchio (Liz), Jamie Petutschnig (Annie), Isabel Saris (June), Anneka Dacres (Hunyak), Katharina Gorgi (Mona), Hannah Lehner, Michael Mocnik und Victoria Schnut (Conférencier) u.a. • Ballett und Orchester der Volksoper Wien  

Aufmacherfoto: Marco Sommer/Volksoper Wien

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