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Spring Awakening

Wenn Erwachsenwerden zur Zerreißprobe wird

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Staatstheater Kassel (Junges Staatstheater)
von
VON
Duncan Sheik (Musik)
Steven Sater (Buch und Liedtexte)
Nina Schneider (Deutsche Fassung)
Regie
Fabiola Kuonen
Uraufführung
2006

„Spring Awakening“ als Kinder- und Jugendchorprojekt

Mit „Spring Awakening“ steht in Kassel ein Werk auf dem Spielplan, das sich den unbequemen Fragen des Erwachsenwerdens stellt und dabei die emotionale Kraft zeitgenössischer Musik nutzt. Frank Wedekinds „Frühlings Erwachen“ sorgte bereits Ende des 19. Jahrhunderts für Aufsehen, weil es Themen aufgriff, über die öffentlich kaum gesprochen wurde.

Wie nun ein Musical umsetzen, das Rockmusik nutzt und sprachlich-inhaltlich in der Vergangenheit spielt? An der Stelle tut sich Regisseurin Fabiola Kuonen mit Kostümbildnerin Amelie Seeger etwas schwer, hat vor allen Dingen die Schulklassen im Blick, die wohl in die Aufführung strömen werden. Optisch greift die Bühne durch zeitlose Tische, eine an Rollschuhbahnen erinnernde Rampe und viele Baugerüstelemente die Grundausstattung der riesigen Spielstätte „Interim“ auf, in der man weite Wege zurücklegen muss. Requisiten gibt es fast keine. Eine Aktualisierung würde auch nicht passen, denn „Engelmacher“ gehören ebenso wenig zur heutigen Pubertät wie eine Aufklärung via Schulaufsatz und nachgezeichnete feuchte Träume in kleinen Oktavheften.

Die Kostüme sind keine Zeitdokumente, sondern Zustandsbeschreibungen: weiße Sneaker und eine grellbunte Mischung aus Street Style und niedlichen Rüschenklamotten. Übertriebene Kragen, riesige Knöpfe und Puffhosen erinnern an Baby- und Puppenkleidung – hier sind Kinder groß geworden, doch man hält sie in der alten Form. Ein eigenes Ich gibt es aus Sicht der Erwachsenen noch nicht. Irgendwie auch gut so, denn deren hochgeschlossene Erwachsenenwelt, in der Männer militärisch daherkommen und Frauen zwischen sexy Stiefeln und figurversteckenden Kleidern changieren, ist wenig erstrebenswert. Bleibt man da nicht doch besser Kind im Strampelanzug? Und so kann man dem Konzept dann doch etwas abgewinnen.

Der Abend, ein Projekt des Jungen Staatstheaters, stellt die unglaubliche Herausforderung des Erwachsenwerdens in den Mittelpunkt. Da ist es natürlich besonders authentisch, sämtliche Rollen aus dem Kinder- und Jugendchor CANTAMUS zu besetzen. Gleich zwei Ensembles spielen die zahlreichen Vorstellungen, die Erwachsenenrollen werden von Aljoscha Langel und Emilia Reichenbach aus dem Schauspiel ergänzt. Gesanglich und schauspielerisch gibt die junge Cast alles, Chorleiterin Annika Derlin hat ganze Arbeit geleistet.

Man spürt die Leidenschaft, den Mut und vor allen Dingen die Sehnsucht nach Individualität. Das ist optisch in kleinen Details der Frisuren erkennbar und wird über eine riesige Leinwand nahegebracht, ist aber vor allen Dingen schauspielerisch erlebbar. Jeder Blick ist Hingabe, keine Geste je beiläufig. Immer wieder gibt es anrührende Solo- und Paarszenen und dann stürmt wieder das 16-köpfige Ensemble über die riesige Spielfläche. Die macht es leider manchmal etwas schwer, intime Momente zu kreieren – was am Ende durch Licht und Schneefall gut gelöst wird. Die Herausforderung gelingt auch durch die sensationellen Choreografien von Katja Wachter, die die jungen Darstellerinnen und Darsteller mit hoher Präzision umsetzen, von Walzer bis Street Dance. 

Während der Text in einer von strengen Moralvorstellungen geprägten Vergangenheit angesiedelt bleibt, eröffnet die Musik einen unmittelbaren Zugang zur Gefühlswelt. Rockige Ausbrüche, intime Balladen und kraftvolle Ensemblenummern machen hörbar, was die Figuren in ihrer Umgebung nicht aussprechen dürfen. Gerade in diesem Gegensatz liegt die besondere Stärke. Die Jugendlichen sind gefangen in einem System aus Erwartungen, Verboten und vermeintlich gut gemeinter Bevormundung. Ihre Lieder durchbrechen diese Grenzen – Musik ist Ausdruck von Sehnsucht, Protest, Angst und Hoffnung. Die Band wird von Viktor Jugović bestens und wortwörtlich im Hintergrund geleitet, mit exakten Einsätzen bietet sie den Jugendlichen eine hilfreiche Grundlage für die volle Entfaltung ihrer Spielfreude und Talente.


Musikalische Leitung: Viktor Jugović • Regie: Fabiola Kuonen • Choreografie: Katja Wachter • Bühne: Karolina Wyderka • Kostüme: Amelie Seeger • Licht: Thomas Märker • Chorleitung: Annika Derlin • Video: Karolina Wyderka und Lev Gonopolskiy • Dramaturgie: Felix Linsmeier und Carlotta Rogge • Mit: Lilith Hofmann (Wendla), Julius Herzig (Melchior), Felix Müller (Moritz), Toni Loos (Ilse), Madita Bollenbach (Martha), Mark Reingardt (Ernst), Giuseppe Ceravolo (Hänschen), Anna Huss (Anna), Eric Kollien (Georg), Emma Töppler (Thea), Darius Tripa (Otto), Elena Vogt (Louise), Keyan Ramic (Alex), Julia Dreier (Klara), Silas Schmidt (Willie), Helena Gabrys (Nadine), Aljoscha Langel und Emilia Reichenbach (Erwachsene) • Band des Staatsorchesters Kassel

Aufmacherfoto: Isabel Machado Rios

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