GandersheimerDomfestspiele2026 HelloDollyJuliaLormis 6 | MUSICAL TODAY

Hello, Dolly!

Aus dem Staub geholt

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Gandersheimer Domfestspiele
von
Jerry Herman (Musik und Liedtexte)
Michael Stewart (Buch)
Robert Gilbert (Deutsche Fassung)
Regie
Rita Sereinig
UraufführunG
1964

„Hello, Dolly!“ vor dem Domportal

Heiratsvermittlerinnen sind längst aus der Mode gekommen, junge Menschen kaum noch rechtlose Sklaven ihrer Arbeitgeber und alte, weiße Männer haben es mit patriarchalischen Attitüden heute eher schwer. Überhaupt setzt dieses Musical inzwischen Patina an, wirkt ein wenig wie aus der Zeit gefallener Plunder. Mit lediglich nostalgischem Blick dümpelt „Hello, Dolly!“ heutzutage in gepflegte Langeweile, obwohl die Songs von Jerry Herman durchaus noch zünden. Besonders dann, wenn sie von einer jazzig inspirierten Combo interpretiert werden. Ferdinand von Seebach findet als musikalischer Leiter für die Produktion der ehrwürdigen Domfestspiele in Bad Gandersheim exakt diesen Ton, der frisch, spritzig und vital ausfällt, die Partitur aufpeppt und den in die Jahre gekommenen Musical-Evergreen zum Publikumserfolg führt.

Ausstatterin Aylin Kaip rüttelt nie am Original, das auf Thornton Wilders „The Matchmaker“ fußt und in der Fassung von Buchautor Michael Stewart sowie Komponist und Liedtexter Jerry Herman 1964 vom Broadway aus einen globalen Siegeszug antrat. Bühnenbild und Kostüme verweisen farbenprächtig klar auf das späte 19. Jahrhundert, als gesellschaftliche Regeln und Konventionen erheblich straffer waren, eine Witwe zum Beispiel brav zu Hause hockte. Dolly Gallagher-Levi hat genug von diesem Mauerblümchen-Dasein, kehrt zurück in den Trubel der brodelnden Metropole New York, mondäner Auftritt im schicken Harmonia Garden inklusive. So bleibt zwar in der Bad Gandersheimer Open-Air-Aufführung letztlich alles beim alten, doch Regisseurin Rita Sereinig poliert das Stück ideenreich auf, nimmt ihm den gestrigen Charme und schubst es geschickt aus dem Staub – auch ohne aufgetakelte Aktualisierung, die im konkreten Fall fehl am Platze wäre. Choreografisch hält Dominik Müller bevorzugt mit akrobatischer Bewegung den Abend auf Trab.

Das Musical läuft ohne Pause ab und wurde von Rita Sereinig vor allem im letzten Teil gerafft. Es klappt entsprechend schnell, bis Dolly den griesgrämigen Horace um ihre Finger wickelt und nebenbei diverse Paar-Konstellationen arrangiert. Die Geschäftsfrau für alle Lagen bildet das Epizentrum der Aufführung, platzt in jede Situation, kurbelt an Schrauben, streut Gerüchte oder verdreht ihrem Gegenüber das Wort im Mund. Nadine Kühn beeindruckt durch ihre mitreißende Bühnenpräsenz: eine ziemlich junge Witwe, der ein ebenso juveniler Horace in die Hände gerät. Dominik Müller zeigt sich weniger kauzig verschroben denn stockhölzern bieder. Von der Liebe entflammt, erwacht in Cornelius (Christoph Gründinger) und Barnaby (Stephan Luethy) plötzlich das wahre Leben mit urbanem Touch, Lisa Radl als Irene sowie Theresa Löhle als Minnie haben daran erheblichen Anteil. Auch der verklemmte Ambrose (Lukas Baeskow) bringt Heulsuse Ermengarde (Felicia Aimée) rechtzeitig zur Raison.

Viel Wirbel und flottes Tempo bekommen dieser Freilicht-„Dolly“ bestens. Gespielt und gesungen wird mit ansteckender Passion, obwohl sich die Figuren insgesamt meist schablonenhaft präsentieren – mehr Fallhöhe hätte ihnen gutgetan. Das ganz große Plus ist die knackig musizierende Band, wunderbar in den Ohrwürmern „Ich lass die Musik nicht vorbei“, „Ich tanze“, „Es kann oft ein Moment sein“ oder „Eleganz“, gipfelnd im Posaunen-Schmiss des Titelsongs, der wie eigentlich immer den Zenit dieses Musical-Klassikers markiert. Die Zuschauer sind begeistert und belohnen das stimmig besetzte Ensemble mit krachendem Applaus und Standing Ovations.


Musikalische Leitung: Ferdinand von Seebach • Regie: Rita Sereinig • Choreografie: Dominik Müller • Ausstattung: Aylin Kaip • Mit: Nadine Kühn (Dolly Gallagher Levi), Dominik Müller (Horace Vandergelder), Christoph Gründinger (Cornelius Hackl), Stephan Luethy (Barnaby Tucker), Lisa Radl (Irene Molloy), Theresa Löhle (Minnie Fay), Felicia Aimée (Ermengarde), Lukas Baeskow (Ambrose Kemper), Pauline Schubert (Ernestina Money)

Aufmacherfoto: Julia Lormis

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