Tootsie

Julias wahre Amme

Ort
Burgfestspiele Bad Vilbel
VON
David Yazbek (Musik & Gesangstexte)
Robert Horn (Buch)
Regie
Milena Paulovics
Uraufführung
2019

Ein motiviertes Ensemble für „Tootsie“

Der amerikanische Spielfilm „Tootsie“ von Sydney Pollack war 1982 ein großer Erfolg in den Kinos. Dustin Hoffman spielte die doppelte Hauptrolle: den Schauspieler Michael Dorsey, der in Frauenkleidern als Dorothy Michaels über Nacht zum Star in einer Fernseh-Seifenoper wird. In der Musical-Adaption von 2019 wird Dorothy für ein Broadway-Musical gecastet. Der Film wie auch die Bühnenfassung bestechen durch ihren Humor und bissige Kritik an der Fernseh- oder Theaterbranche, wo es Schauspieler immer schwerer haben, einen Job zu finden.

Auf der Bühne der Wasserburg in Bad Vilbel leuchten Werbetafeln von Theatern und Clubs am Broadway. Michael Dorsey (Robert David Marx) fällt bei allen Castings durch. Kein Produzent oder Regisseur mag den Querulanten, der sich nichts gefallen lässt. Der erfolglose Mime hat Geburtstag und feiert mit seinem besten Freund Jeff (Samuel Franco) und seiner Ex Sandy (Verena Mackenberg), die große Hoffnung in ein Casting zu „Julias wahre Flamme“ hegt, aber schlussendlich nicht engagiert wird. Michaels Agent Stan (Kai Möller) hat alle Erwartungen, irgendeine Rolle für ihn zu finden, aufgegeben. „Die Schauspielerei ist ein Schachtfeld“, meint der Geschasste und erinnert sich, dass Sandy gesagt hat, er würde eine Frau besser spielen als sie.

So kommt er in Frauenkleidern als Dorothy Michaels zum Casting des „Romeo und Julia“-Musicals und kann die Produzentin Rita (Annette Lubosch) durch seine freche Art zu überzeugen. Nur Regisseur Ron (Markus Maria Düllmann) ist nicht an der spitzen Zunge der Akteurin interessiert. Dennoch wird Dorothy engagiert und lernt Julia-Darstellerin Julie (Veronika Hörmann) kennen, wie auch Max Van Horn (Michael Berres), der Romeos Bruder spielt. Die drei entscheiden sich nach ein paar Proben, die banale Geschichte zu verändern. Ron ist erbost und nennt Dorothy „Tootsie“, was abwertend „Schätzchen“ bedeutet. Rita ist überzeugt von den neuen Ideen und meint schließlich, dass „Julias wahre Flamme“ nun „Julias wahre Amme“ heißen soll. Dorothy wird der Star der Show, hat sich aber in Julie verliebt, was bedeuten würde, seine Verkleidung abzulegen zu müssen.

Das Musical lebt vor allem von einem motiviert aufspielenden Ensemble, das Regisseurin Milena Paulovics und Choreografin Caroline Lusken mit viel Herzblut und Geschick durch die Szenen leiten. Robert David Marx versteht es, seinen beiden Figuren die nötigen Charakterformen zu verleihen. Er ist einerseits ein rebellischer Michael und andererseits, mit verfremdeter Stimme, eine meist verständnis- und liebevolle Dorothy – und trotzdem manchmal aufbrausend, was Ron erleben muss, als er sie „Tootsie“ nennt. Gesanglich gefällt er, wie beispielsweise mit dem Song „Grenzenlos“. Veronika Hörmann spielt eine Frau, die etliche Enttäuschungen im Leben hinter sich hat, bewegend in „Und da war John“ erklärt. In Dorothy findet sie mehr als nur eine beste Freundin, aber eine lesbische Liebe kommt für die Begehrte nicht in Frage. Verena Mackenberg gefällt als Sandy, die zwischen Talent und Unsicherheit schwebt und ihren gesanglichen Höhepunkt mit „Was passier’n wird“ hat. Eine hinreißende Nummer legt Annette Lubosch als Rita in ihrer Begeisterung für Dorothy mit „Man kann sie nur mögen“ aufs Parkett.

Insgesamt bereitet die Musik Vergnügen, auch wenn sich kein echter Ohrwurm im Gedächtnis festsetzt. Die Show kommt ohne große Requisiten aus. Lediglich auf den Rückseiten einiger Leuchtreklamen befinden sich im sparsamen Bühnenbild von Pascale Arndtz einige Tische, Stühle, Bänke oder ein Schminktisch. Dieses Zubehör wird von der Truppe hin und her geschoben, so dass kein Leerlauf entsteht. Dank einer durchdachten Geschichte, sehr viel Humor und einem großartigen Ensemble kann „Tootsie“ überzeugen.


Musikalische Leitung: Jochen Kilian • Choreografie: Caroline Lusken • Bühne: Pascale Arndtz • Kostüme: Janin Lang • Mit: Robert David Marx (Michael Dorsey/Dorothy Michaels), Veronika Hörmann (Julie Nichols), Verena Mackenberg (Sandy Lester), Samuel Franco (Jeff Slater), Michael Berres (Max Van Horn/Craig), Markus Maria Düllmann (Ron Carlisle), Annette Lubosch (Rita Marshall), Kai Möller (Stan Fields), Dominik Tiefgraber (Stuart), Helena Lenn (Suzie), Tim Olcay (Carl) u.a.

Aufmacherfoto: Eugen Sommer

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