A Chorus Line

Berührende Einsichten

oRT
Ballhaus Prinzenallee Berlin
von
Marvin Hamlish (Musik)
Edward Kleban (Gesangstexte)
James Kirkwood & Nicholas Dante (Buch)
Regie
Kaliyah James
UraufführunG
1975

“A Chorus Line” im Ballhaus Prinzenallee Berlin

Am Broadway zu brillieren, selbst in zweiter oder dritter Reihe, gilt aufstrebenden Darstellern als karrieristischer Fixstern. Um diesem strahlenden Licht näherzukommen, müssen manche Dunkelheiten des Showbusiness durchlaufen werden. Dort lauert ständig Gefahr, unter die Räder einer erbarmungslosen Industrie zu geraten. “A Chorus Line” fängt diesen Gegensatz brillant-berührend ein. Das Musical mit der mitreißenden Musik von Marvin Hamlisch, tiefgründigen Gesangstexten von Edward Kleban und einem geschliffenen Buch von James Kirkwood sowie Nicholas Dante erlebte seine Broadway-Premiere 1975 in der kongenialen Inszenierung von Michael Bennett und wurde zum triumphalen-rekordverdächtigen Erfolg mit 6137 Vorstellungen. Entstanden aus Interviews mit echten Broadway-Tänzern, schuf das Kreativteam ein Werk von großer Authentizität und emotionaler Tiefe. Diese innovative Struktur erlaubt es, in die Seele der Charaktere einzutauchen und macht “A Chorus Line” zu einem nachhallenden, auch verfilmten Erfolg. Nun feierte der zeitlose Musical-Hit in der Regie von Kaliyah James und Julia Murray als englischsprachige Produktion der Musical Theater Society Berlin im Ballhaus Prinzenallee Premiere, vom elektrisierten Publikum frenetisch gefeiert.

Der Plot von „A Chorus Line” spielt in einem kahlen Proberaum: 17 hoffnungsvolle Tänzer möchten den charismatischen, streng fordernden Regisseur Zach (Daniel Carey) und Choreograph Larry (Kique Maggioni) überzeugen und einen der begehrten Plätze in der Chorus Line einer Broadway-Show ergattern. Zach bringt sie dazu, intimste Geschichten und tiefsten Ängste zu offenbaren, und nutzt dafür ihre große Leidenschaft für das Theater und der Wille, um „jeden Preis“ dabei zu sein. Da ist beispielsweise die erfahrene Darstellerin Cassie (Caroline Wiechers), die verbissen darum kämpft, ihren einstigen Platz im Rampenlicht zurückzuerobern, während sie mit den Schatten ihrer Vergangenheit ringt, zu denen auch Regisseur Zach zählt. Mike (Wim Lefebure), der schon als Kind vom Tanz fasziniert war, erzählt von seiner Liebe zu rhythmischen Bewegungen. Sheila (Courtney Dugan), die älteste unter den Tänzerinnen, verbirgt ihre verletzte Seele hinter einer zynischen Fassade und Diana (Marcela Dias), die ihre Liebe zur Bühne aus den harten Straßen der Bronx schöpft, teilt ihre unerschütterliche Entschlossenheit. Paul (Diogo Werner) vermittelt mit brennender Ehrlichkeit die schmerzhaften Erfahrungen seiner Identitätsfindung als queerer Tänzer, und Val (Sara Rosenkranz) spricht mit entwaffnender Offenheit über die Schönheitsoperationen, die sie für ihre Karriere in Kauf nahm. Neben diesen Hauptfiguren tragen auch Charaktere wie der junge Richie (Matt Cook), der seine frühere Karriere für diesen Traum aufgab und die schüchterne Judy (Kate Greer) zur lebendigen Dynamik der Show bei.

Das authentische Ambiente der Berliner Produktion schafft Regisseur Kaliyah James: eine größtenteils entkleidete Bühne gerät zum lebensechten Probenumfeld. Besonders gelungen ist das Lichtdesign, das auf der nackten Bühne wesentliche Akzente setzt. Die Choreografie von Kate Greer, die zugleich als Judy brilliert, wirkt kraftvoll wie elegant und verstärkt die emotionale Intensität der Szenen. Zum Gelingen von „A Chorus Line“ trägt wesentlich die ausgetüffelte Regie bei. James stimmt den außerordentlich großen Apparat präzise aufeinander ab, bleibt trotzdem einfühlsam und detailverliebt. Das sorgt für eine beeindruckende Lebendigkeit und Tiefe, die das Publikum in den Bann zieht. Hier laufen alle Beteiligten zur Höchstleistung auf. Neben den bereits genannten sind das auch Camille Williams als Kristine Urich, Bobby Blankemeyer als Al de Luca oder Charles Fouquet als Gregory Gardner. Aus dem Ensemble sticht daneben die hoch talentierte Sara Rosenkranz als Val heraus. Absoluter Lichtblick: Matt Cook, der als Richie die Blicke fesselt und mit dem Song “Gimme the Ball” einen Show-Stopper hinlegt.

„A Chorus Line“ erzählt von bewegenden Geschichten und immenser Hingabe, von Künstlern, die sich und ihre Träume verwirklichen möchten. Der neuen Berliner Produktion gelingt ein leidenschaftliches und intensives Porträt des Showbusiness-Alltags voller Tragödien und triumphaler Höhenflüge – im Ergebnis ein überzeugendes Bild der thematischen Aktualität von „A Chorus Line“. Im Positiven wie im Negativen deutlich gezeichnet, ist diese Produktion nicht nur ein Tribut an die zeitlose Magie des Musicals, sondern ebenso an die lebendige Theaterkultur pulsierender Städte am Hudson und an der Spree. Das macht Lust auf mehr. 


Musikalische Leitung: Joseph Pierce, Choreografie: Kate Greer; Darsteller: Bobby Blankemeyer (Al), Kira Rose Stringer/Sara Nicole Schwartz (Bebe), Florian Thielen (Bobby), Caroline Wiechers/Celine Hochgräber (Cassie), Veronica Stroever (Connie), Sara Rosenkranz (Val), Daniel Carey (Zach), Kique Maggioni (Larry), Wim Lefebure (Mike), Courtney Dugan (Sheila), Marcela Dias/Tina Marie Serra (Diana), Diogo Werner (Paul), Matt Cook (Richie), Kate Greer (Judy), Camille Williams (Kristine), Charles Fouquet/Elijah Nielebock (Gregory), Dylan Gardner (Mark), Angie Cornwell (Maggie), Oliver Wunderlich (Don)

Aufmacherfoto: Musical Theater Society Berlin

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