
„Dreamland“ lässt Shakespeare in Nevada landen
Amerika ist Schauplatz diverser mythenumwobener Orte. Einer der wohl prominentesten liegt in der Mojave-Wüste, inmitten einer militärischen Sperrzone, wo sich das Gebiet der berüchtigten Area 51 befindet. Befeuert von Hollywood-Blockbustern, war das Wüstenareal längst Teil öffentlicher UFO-Legendenbildungen, bevor die US-amerikanische Regierung dessen streng geheim gehaltene Existenz eingestand.
Das 2020 uraufgeführte Musical „Dreamland“ von Chris Miller und Nathan Tysen nimmt dieses Eingeständnis zum Ausgangspunkt für eine Parodie, die Shakespeares Liebes- und Verwechslungsspiel aus dem „Sommernachtstraum“ ins Nevada der Gegenwart verlegt: mit Aliens anstelle von Elfen und einer Verschwörungserzählung als Zauberwald. Regisseur Michael Bohnenstingl hat sich dieser Vorlage mit der Berliner Stage Company angenommen und sie zu einem temporeichen Theaterabend verdichtet.
Vom Regierungsapparat, der Informationen vertuschen will, bis zu einem Hausmeister, der in der Provinz schuftet, jedoch vom großen Showbiz träumt: Was zunächst wie eine akkurate Gegenwartsanalyse anmutet, nimmt eine Kehrtwende, als die Astronomin Aurora, die mit ihren drei Forscherkollegen eigentlich beauftragt wurde, Außerirdisches zu widerlegen, auf eine verbarrikadierte Tür stößt. Dahinter sitzen seit 70 Jahren vom US-Militär internierte Aliens. Mit dem Kommunikationsgerät des Außerirdischen Puck geraten die Grenzen zwischen den Welten in Bewegung und aus der Wahrheitssuche wird eine Evakuierungsmission: von der Area 51 heim zu den Sternen.
Dass hier weniger wissenschaftliche Präzision als hemmungsloser Klamauk im Mittelpunkt steht, verdeutlicht die Inszenierung von Beginn an. Auf der opulent eingerichteten Bühne (Michael Bohnenstingl, Maestro Pivetta, Robin Stasch-Lungwitz) wird mit sichtlichem Vergnügen überzeichnet: Während ein paar Kakteen die Wüste Nevadas markieren und in zweidimensionaler Optik ähnlich flach wie der Plot daherkommen, verweist im Zentrum eine Nissenhütte auf den Militärkomplex. Das große Ensemble tobt sich in der formenreichen Choreografie (Annika Braun, Johanna Elisabeth Clemens, Anika Stasch) aus; Regisseur Bohnenstingl bespielt dabei auch den Publikumsbereich. All das gelingt in teils beachtlichem Tempo, geprägt von einem präzise getakteten Lichtdesign (Michael Bohnenstingl, Michael Plog), das organische Szenenwechsel ermöglicht, etwa einen atmosphärisch dichten Übergang in das unterirdische Gefängnis der Aliens zum Song „Wann geht die Tür auf“. Den vielfältigen klanglichen Teppich legt eine siebenköpfige Band unter Leitung von Jörn Wübker, die hinter einem camouflierten Zaun die genrereichen Arrangements souverän durchträgt.
Die Charaktere sind allesamt karikaturesk angelegt, von den nerdig gekleideten Wissenschaftlern bis hin zu den Aliens in ätherischen Lichtgewändern (Kostüme: Kevin Flemming, Yara Lucie Krämer, Elisabeth Schmidt, Maj Weidlich). Und dennoch stattet das Ensemble diese stereotypen Rollen durchweg mit sympathischer Lebendigkeit aus. Allen voran überzeugen die spielfreudige Elisa Schütz als prinzipientreue Wissenschaftlerin Aurora und Ségolène Bouvret als kesses, stimmsicheres Alien Puck, das zusammen mit Oberon (Patrick Dreier) und Titania (Anika Stasch) Shakespeares Elfenpersonal in die Wüste Nevadas übersetzt und das Gefühlschaos der vier Forschenden (neben Schütz: Elisabeth Schmidt als Rebecca, Kevin Flemming als Eliot und Daniel Brennecke als Randy) ebenso lustvoll in Gang hält wie einst das der Athener Liebenden. Michael Plog bedient in der Rolle von Hausmeister Schnyder die Mechanicals-Linie der Vorlage mit unverbesserlichen Rampensau-Einlagen, besonders in seinem Solo „Gib mir ’ne Show“.
Diese wilde Musicalreise funktioniert bei den Jüngeren ebenso wie bei den erfahreneren Besuchern und erweist sich damit als ebenso kurzweilige wie liebevoll überdrehte Amateurproduktion und Shakespeare-Adaption.
Musikalische Leitung: Jörn Wübker • Regie: Michael Bohnenstingl • Choreografie: Annika Braun, Johanna Elisabeth Clemens und Anika Stasch • Bühne: Michael Bohnenstingl, Maestro Pivetta und Robin Stasch-Lungwitz • Kostüme: Kevin Flemming, Yara Lucie Krämer, Elisabeth Schmidt und Maj Weidlich • Licht: Michael Bohnenstingl und Michael Plog • Mit: Elisa Schütz (Aurora), Elisabeth Schmidt (Rebecca), Kevin Flemming (Eliot), Daniel Brennecke (Randy), Anika Stasch (Melissa Simms/Titania), Patrick Dreier (Oberon), Ségolène Bouvret (Direktorin Wilson/Puck), Michael Plog (Hausmeister Schnyder), Marco Lindstaedt (Colonel Rasmusson), Annika Braun (Skylar/Senfsamen), Simon Chevrel (Quinn/Bohnenblüte), Maj Weidlich (Charlotte/Motte) • Jan-Hendrik Friedhoff, Christoph Magirius, Maurice Stenzel, Johannes Koster, Bernhard von der Gabelentz, Elif Dimli, Alexander Anders (Band)
Aufmacherfoto: Stephan Jorek-Zahn




