Harmony

In perfekter Harmonie?

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Broadway (Ethel Barrymore Theatre)
von
Barry Manilow (Musik)
Bruce Sussman (Buch)
Regie
Warren Carlyle
Uraufführung
1997

Barry Manilow vertraut für sein Comedian-Harmonists-Musical leider nicht auf das legendäre Vokalsextett

Trotz seines wohltuend suggestiven Titels „Harmony“ gibt es am Musical des Popsängers Barry Manilow und seines langjährigen Texters Bruce Sussman manche Dinge, die nicht ganz aufgehen. Insgesamt hat die Show eine düstere Aura, die sie als einen eher deprimierenden Abend qualifiziert. Das liegt vor allem am niedergeschlagenen Buch und den Texten von Sussman, die sich im Laufe der dichten Erzählung immer mehr verdüstern. Ein Problem, das auch durch Manilows Musik nicht gelöst wird, die – mit Ausnahme einiger Nummern – wesentlich melodramatischer klingt als nötig, selbst für ein so ernstes Musical.

Wie schade! Denn die Handlung hat es ganz sicher verdient, erzählt und interpretiert zu werden: Es ist die wahre Geschichte der Comedian Harmonists, jenes Vokalsextetts aus deutschen Sängern, das vor dem Zweiten Weltkrieg in der ganzen Welt berühmt wurde. In den kurzen Jahren ihres Bestehens, zwischen 1928 und 1935, wurden die Comedian Harmonists – Tenor Asparuch „Ari“ Leschnikoff, Tenor Erich A. Collin, Tenorbuffo Harry Frommermann, Bariton Roman Cycowski, Bass Robert Biberti und Pianist Erwin Bootz – zur beliebtesten Gesangsgruppe der damaligen Zeit, sie traten in so berühmten Häusern wie der Berliner Scala und der Carnegie Hall in New York auf. Unter dem Druck der Nazi-Behörden lösten sie sich auf und fanden nie wieder zusammen; drei ihrer Mitglieder waren Juden und ein weiteres mit einer Jüdin verheiratet, was im damaligen Deutschland nicht geduldet wurde.

In ihren Jahren im Rampenlicht schufen sie zahlreiche Gesangsnummern, die zu beliebten Tophits wurden: „Veronika, der Lenz ist da“, „Der Onkel Bumba aus Kalumba tanzt nur Rumba“, „Ich küsse Ihre Hand, Madame“ oder „Das ist die Liebe der Matrosen“. Dazu kamen Eigeninterpretationen amerikanischer Klassiker wie „Creole Love Call“, „Night and Day“ oder „Stormy Weather“. Das Repertoire der Comedian Harmonists war alles andere als düster, sondern hatte oft einen gut gelaunten Schwung, ihre mehrstimmigen Gesänge beschworen die verschiedensten Quellen wie Jazz, Pop, Volksmusik und Klassik herauf, wobei ihre Stimmen mühelos in perfekter Harmonie verschmolzen. 

Die Musicalhandlung deckt einige glanzvolle Momente aus der Karriere des Sextetts ab, so die Berliner Auftritte im Club Cinderella im November 1929 und im Barbarina Club im Januar 1930, außerdem ihren denkwürdigen Auftritt in der New Yorker Carnegie Hall im Dezember 1933. Geschildert aber werden meist nur die dramatischen Momente, und das in einer dunklen Stimmung, bedingt durch das politische Klima außerhalb ihrer privaten Umstände, wo sie einem zunehmenden Druck durch Polizeikontrollen und antisemitische Einschränkungen ausgesetzt waren. Als einziger Ausweg blieb die Auflösung der Gruppe …

Die Songs von Barry Manilow (Musik) und Bruce Sussman (Texte) weisen zwar ein interessantes theatralisches Flair auf, klingen aber zum größten Teil nicht wirklich eingängig. Beim ersten Hören fallen einige Nummern positiv auf, aber im Laufe der Handlung wird der Gesamteindruck düsterer, die Musik ist wenig ermutigend oder erhellend getönt. Am meisten überrascht wirklich, dass in diesem Stück über eine Gesangsgruppe, die zur internationalen Sensation wurde, nicht ein einziger Hit aus deren Repertoire vorkommt. Zweifellos wäre es sinnvoller gewesen, die Lieder in den Mittelpunkt zu stellen, welche die Comedian Harmonists in ihrer eigenen Interpretation berühmt gemacht haben, anstatt sich auf neue, speziell für dieses Musical komponierte Songs zu verlassen, die dem Originalton kaum gerecht werden.

(Übersetzung: Angela Reinhardt)


Music Supervision: John O’Neill • Music Coordination: Michael Aarons • Regie und Choreografie: Warren Carlyle • Bühne: Beowulf Boritt • Kostüme: Linda Cho und Ricky Lurie • Licht: Jules Fisher und Peggy Eisenhauer • Sounddesign: Dan Moses Schreier; Mit: Chip Zien (Rabbi), Sierra Boggess (Mary), Julie Benko (Ruth), Sean Bell (Bobby), Danny Kornfeld (Young Rabbi), Zal Owen (Harry), Eric Peters (Erich), Blake Roman (Chopin), Steven Telsey (Lesh), Allison Semmes (Josephine Baker), Andrew O’Shanick (Standartenführer) u.a.

Aufmacherfoto: Julieta Cervantes

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