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Der Graf von Monte Christo

Gepflegte Langeweile

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Theater Münster
von
Frank Wildhorn (Musik)
Jack Murphy (Buch und Liedtexte)
Kevin Schroeder (Deutsche Fassung)
Regie
Michael Wallner
UraufführunG
2009

Schwache Vorlage ergibt schwachen „Graf von Monte Christo“

Das Positive vorweg: Wem eine grandiose Optik und tolle Stimmen reichen, der kommt in Münster voll auf seine Kosten. Wer jedoch auch Ansprüche stellt an die Story, an Spannung, Emotionen, packende schauspielerische Leistungen, der sollte sich den Weg sparen. Und das bei der Vorlage – nicht ohne Grund wurde Alexandre Dumas’ „Graf von Monte Christo“ unzählige Male verfilmt.

Um jedoch in Münster der Handlung folgen zu können, sollte man sich in der Tat zuvor noch einmal einen der Streifen ansehen (allein vor zwei Jahren gab es zwei hervorragende Umsetzungen, die zurzeit bei verschiedenen Streaminganbietern im Programm sind) oder sich zumindest auf Wikipedia in den Stoff einlesen. Die Gründe, weshalb man hier sonst den Faden verliert und gelangweilt dem Ende entgegendämmert, sind zum Teil den Machern, Komponist Frank Wildhorn und Autor Jack Murphy, anzulasten – zum Teil aber auch dem Theater.

Denn es hat seinen Grund, warum das im März 2009 in St. Gallen uraufgeführte Stück der beiden Amerikaner nie den Sprung an den Broadway schaffte, woraus auch das Münsteraner Programmheft keinen Hehl macht. Dass sich ein solcher Brocken französischer Weltliteratur von rund 1.000 Seiten sehr wohl in ein erfolgreiches Musical verwandeln lässt, bewies schließlich „Les Misérables“, dessen Romanvorlage noch umfangreicher ist. Wildhorn und Murphy jedoch scheitern an Alexandre Dumas’ komplexer Vorlage, schaffen keine interessanten Figuren und handeln die Intrige, durch die Edmond Dantès im Knast landet, zu Beginn des ersten Akts in einem einzigen Lied ab, die Rache an allen drei Kontrahenten im zweiten Akt in einem einzigen Song.

Das Problem wird durch die Akustik in Münster verschärft. Wenn man bei Liedern, die reine innere Monologe sind, kein Wort versteht – geschenkt. Aber bei handlungstragenden Stücken ist das reines Gift, erst recht, wenn viele Nebendarsteller nur sehr gebrochen Deutsch sprechen. Das Textverständnis geht schlichtweg im satten Klang des Sinfonieorchesters unter. Und was sollen die Gesangs- und Tanzszenen mit den römischen Vestalinnen vor dem Kolosseum, warum liegt Dantès auf einmal gefesselt im Abwasser? All das ist dank des schlechten Tons nicht nachvollziehbar. Deplatziert, weil einziger Bruch mit der übrigen Stilistik, sind drei Tänzerinnen in schwarzen Ganzkörperkostümen wie aus der BDMS-Szene, vermutlich aus Latex, die offenbar das Böse personifizieren sollen.

Auch scheint das Musical den Darstellern keine nennenswerte Möglichkeit zu geben, schauspielerische Glanzleistungen zu liefern. David Arnsperger als Titelheld liefert eine solche Leistung zwar gesanglich, bleibt ansonsten aber blass. Vera Lorenz sorgt als Mercédès mit Powerballaden für gleich zwei Showstopper. Die Möglichkeit, Charisma zu entfalten, bieten ihre Rollen nur Gregor Dalal als Dantès’ Mithäftling Abbé Faria (auch wenn er in dieser Rolle aussieht, als hätte der Hippie-Taxifahrer aus dem Münster-„Tatort“ die Körperhygiene enorm vernachlässigt), und Erdmuthe Kriener als temperamentvolles Piraten-Oberhaupt. Die Choreografien von Kati Heidebrecht sind mittelmäßig, von den Kampfszenen kann nur das Duell zwischen Dantès und Mondego (Ramon Karolan) überzeugen.

Ganze Arbeit leistet das Bühnenteam mit einer Ausstattung, die man umschreiben kann als zurückgenommenen Aufwand (Bühne: Stefan Rieckhoff / Kostüme: Uta Meenen). Den Hintergrund bilden prächtige Bild- und Videoprojektionen, die nach KI aussehen, dazu einzelne, dafür aber überbordend große Elemente, die aus dem Schnürboden herabgelassen oder auf die Bühne geschoben werden. Die übrigen Requisiten werden aufs Nötigste begrenzt, dafür wird der Kostümfundus umso effektiver geplündert.

Das Publikum am Premierenabend ist zwiegespalten: Den allgemeinen Standing Ovations zum Trotz ergeben Gespräche im Foyer dennoch viel Kritik an der Akustik und der Nachvollziehbarkeit der Handlung.


Musikalische Leitung: Thorsten Schmid-Kapfenburg • Regie: Michael Wallner • Choreografie: Kati Heidebrecht • Bühne: Stefan Rieckhoff • Kostüme: Uta Meenen • Choreinstudierung: Anton Tremmel • Videodesign: Martin Zwiehoff • Mit: David Arnsperger (Edmond Dantès, Graf von Monte Christo), Vera Lorenz (Mercédès), Ramon Karolan (Fernand Mondego), Gregor Dalal (Gérard von Villefort/Abbé Faria), Sven Bakin (Baron Danglars), Chen-Han Lin (Albert), Yixuan Zhu (Valentine de Villefort), Erdmuthe Kriener (Luisa Vampa/Gabriella u.a.), Enrique Bernardo (Jacopo), Marlou Düster (Sophie u.a.), Hannah Miele (Isabella u.a.) u.a. • Ensemble Tanz Münster • Opernchor des Theaters Münster • Sinfonieorchester Münster

Aufmacherfoto: Bettina Stöß

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