
Malen nach Zahlen in PURs „Abenteuerland“
Wird irgendwo ein großes neues Long-Run-Musical angekündigt, stehen die Chancen meist 50:50. Entweder man wuchtet einen bekannten Kino-Klassiker auf die Bühne, oder es wird mal wieder tief in die Jukebox gegriffen. Da macht auch „Abenteuerland“, das Musical mit den Hits von PUR, keine Ausnahme. Und im Grunde war es eigentlich nur eine Frage der Zeit: Denn warum sollte das, was international mit ABBA, Queen, Michael Jackson oder Tina Turner die Kassen klingeln lässt, nicht auch mit einer der erfolgreichsten deutschen Musikgruppen der letzten Jahrzehnte klappen?
Nach einer durchaus achtbaren Laufzeit am Düsseldorfer Capitol bricht die Show nun in einer leicht überarbeiteten Fassung und mit neuem reisetauglichem Bühnenbild zu ihrer ersten Tour durch die Republik auf. Und hat dabei die größtmögliche Zielgruppe im Visier. „Abenteuerland“ bietet Herz-Schmerz quer durch drei Generationen, damit auch ja alle im Publikum ihre persönliche Identifikationsfigur bekommen. Eine in der Routine gefangene Hausfrau sucht gemeinsam mit der besten Freundin das Abenteuer bei einer wilden Clubnacht. Fünf Teenager erleben in wechselnder Konstellation das Abenteuer der ersten Liebe. Und die verwitwete Oma stürzt sich ins Abenteuer Online-Dating.
Autor und Produzent Martin Flohr will da vielleicht doch etwas zu viel und lässt im Verlauf des Abends kaum ein heißes Eisen aus: Ehe-Frust, Midlife-Crisis, Coming-out, Depression, Mobbing und Einsamkeit im Alter. Aber bei so vielen ineinander verknoteten Handlungssträngen bleibt für individuelle Charakter-Entwicklung leider oft nur wenig Zeit. Was auch erklären mag, warum die Enthüllung der Teenie-Schwangerschaft am Münchner Premierenabend statt Betroffenheit eher Gelächter im Saal hervorruft. Dass sich am Schluss beinahe alle Probleme in Nullkommanix zum Guten wenden, ist trotzdem klar – auch, wenn dafür so einige 180-Grad-Drehungen nötig sind.
Zu kurz kommt da vor allem der dritte Frühling des Seniorenpärchens. Was doppelt schade ist, weil Bärbel Röhl und Frank Bahrenberg mit ihren selbstironischen Pointen zu den unumstrittenen Publikumslieblingen zählen. Sie geben der Show eine fast schon anarchische Note, die der routinierten Inszenierung von Regisseur Dominik Flaschka und Choreograf Jonathan Huor durchaus guttut. Denn „Abenteuerland“ ist nicht nur ein „Best of PUR“ – es ist quasi eine Jukebox hoch zwei. Denn auch viele Handlungselemente wurden aus bereits bewährten Musicals recycled und remixed. Hier eine Prise „Mamma Mia!“-Optimismus, dort etwas „Waitress“-Empowerment. Die Emo-Tochter kommt frisch aus der „Fack ju Göhte“-Schule und trägt dazu den Gipsarm vom guten Evan Hansen. Während der Sohn nach der Trennung vom Mean Girl schnell eine neue Liebe mit Migrationshintergrund findet, unter deren Balkon er ähnlich schmachten darf wie einst Tony in der „West Side Story“.
Ein paar subtile Verweise auf die Biografie der Hitlieferanten aus Bietigheim-Bissingen dürfen bei diesem „Malen nach Zahlen“ aber natürlich ebenfalls nicht fehlen. Denn letzten Endes ist das „Abenteuerland“ vor allem eine Show von PUR-Fans für PUR-Fans. Mitgeklatscht und mitgesungen wird da fast ab Minute eins, weil es eben kaum jemandem um die klischeehaften Familien-Episoden geht, sondern in erster Linie um die Songs.
Die bekommt man von einer fünfköpfigen Live-Band immerhin mit ordentlich Wumms und sehr viel Gefühl serviert. Und auch das Ensemble, aus dem neben Jana Stelley u.a. noch Cedric Schröter und Christian Bock herausstechen, macht seine Sache ausgesprochen gut. Dank cleverer Arrangements funktionieren die bekannten PUR-Ohrwürmer auch als Duette oder Gruppen-Nummern ganz hervorragend.
Am Ende ist es beim „Abenteuerland“ so wie bei den meisten Jukebox-Shows: Über die Geschichte sollte man am besten auch hier nicht zu lange nachdenken. Aber wer mit den Songs von PUR groß geworden ist, darf sich definitiv in guten Händen fühlen und hemmungslos mit Gleichgesinnten feiern.
Music Supervisor: Gary Hickeson und Richard Morris • Musikalische Leitung: Jeff Frohner • Regie: Dominik Flaschka • Co-Regie: Gordon Gesatzki • Choreografie: Jonathan Huor • Bühne: Andrew D. Edwards • Kostüme: Irina Hofer • Licht: Ben Cracknell • Sounddesign: Dan Samson • Mit: Mascha Volmershausen (Anna), Cedric Schröter (Alex), Leonie Wanger (Amira), Christian Bock (Tom), Carolin Soyka (Petra), Markus Neugebauer (Robert), Jana Stelley (Beate), Bärbel Röhl (Oma Lena), Frank Bahrenberg (Karl), Pauline Schubert (Vanessa) u.a.
Aufmacherfoto: Jochen Quast




